Album der Woche: The Roots – „…And Then You Shoot Your Cousin“

The Roots - ...And Then You Shoot Your CousinVÖ: 16. Mai 2014
Web: theroots.com
Label: Def Jam

Knapp 34 Minuten. So lang beziehungsweise so kurz ist die Spieldauer des neuen Albums der amerikanischen HipHop-Crew The Roots. Es ist das kürzeste Werk in ihrem fast 30-jährigen Bestehen. So weit zu den Kritikpunkten; es gibt schlichtweg nicht mehr. The Roots zeigen mit „…And Then You Shoot Your Cousin“, warum sie zurecht als eine der besten und innovativsten HipHop-Bands der Welt gelten.

Alles beginnt 1987 in Philadelphia. Tariq Trotter und Ahmir Thompson alias Black Thought und Questlove gründen eine Band, und weil sie sich kein teures Equipment leisten können, werden ausrangierte Instrumente zum Spielen benutzt. Diesem resultierenden organischen Sound bleiben die Musiker treu: Auch auf ihrem ersten Major-Label-Album „Do You Want More?!!!??!“ sucht man vergeblich nach Samples. Im Laufe der Jahrzehnte wechselt fortwährend die Besetzung von The Roots: Insgesamt sind 19 Musiker früher oder später Bestandteil der Band. Aktuell zählt die Formation sieben Mitglieder, darunter auch die Gründer MC Black Thought und Schlagzeuger Questlove.

„…And Then You Shoot Your Cousin“ ist wie sein Vorgänger „Undun“ ein Konzeptalbum. The Roots werfen darauf einen satirischen Blick auf Gewalt im HipHop und der amerikanischen Gesellschaft im Allgemeinen. Die drei MCs Black Thought, Greg Porn und Dice Raw nehmen dabei unterschiedliche Charaktere und Blickwinkel ein, der Klang des Albums ist wie auch das Thema: dunkel, bedrohlich, kalt. Nichtsdestotrotz bietet die LP eine Vielzahl an Facetten und Nuancen, die sich selbst nach exzessivem Hören nicht alle vollständig erfassen lassen. Für Abwechslung sorgen zusätzlich ausgewählte Features wie R’n’B-Sänger Raheem DeVaughn oder Mercedes Martinez.

The Roots eröffnen ihr Album nicht selbst, sondern überlassen dies einer anderen Legende – keiner geringeren als Nina Simone. Nach diesem stimmungsvollen Auftakt ertönen zwei Snare-Schläge und gespenstische Chorgesänge, bevor die nasal-quietschende Stimme von Patty Crash diese durchschneidet. Und schließlich die ersten Verse von Black Thought, welcher die Ausweglosigkeit und Verzweiflung in nur wenigen Worten zu vermitteln wissen: „I was born faceless in an oasis, people disappear here and leave no traces.“ Um dieser bedrückenden Thematik auch musikalisch gerecht zu werden, setzen The Roots den harmonischen Parts auf dem Album bewusst dissonante Kontrastabschnitte entgegen. „Dies Irae“ stellt wohl jeden Hörer auf eine harte Probe: Zuerst wird ein Teil vom Requiem des französischen Komponisten Michael Chion gesampelt, anschließend ertönen aggressive Rufe und ohrenbetäubende Synthies. Man atmet in Erleichterung auf, wenn die ersten Takte vom nachfolgenden Track „The Coming“ erklingen.

Der Kreis schließt sich mit dem letzten Stück „Tomorrow“: Wie zu Beginn überlassen The Roots den Gesangpart einem Gastsänger. Der Song kündigt mit einem Pfeifen und seiner Dur-Tonart die optimistische Grundstimmung an, DeVaughn singt die vergleichsweise kitschigen Lyrics „’Cause everybody needs an angel, and everybody needs a smile, and everybody has an angle, and everybody wants tomorrow right now.“ Gibt es am Ende also doch noch ein Happy End? Ein dunkles Piano-Grollen beschließt das Album und bringt die Ernüchterung: Die letzten Töne von „…And Then You Shoot Your Cousin“ enden also doch im Chaos. 34 Minuten sind wahrlich keine lange Zeit, aber das neue Album von The Roots ist jede einzelne davon wert.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „The Roots“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Heinc
    Mai 29, 2014 Reply

    Großartiger Auftritt der JFallon-ToNightShow-„House-Band“:

    http://www.nbc.com/the-tonight-show/segments/6371

    „Never“ (LivePerformance)

    (starts after 10 sec. Adv.Clip)

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