Anohni – „Paradise“ (Rezension)


Anohni – „Paradise“ (Secretly Canadian)

Veröffentlichung: 17. März 2017
Web: Anohni.com
Label: Secretly Canadian

7,3

Langsam und wie entferntes Rauschen drückt sich „In My Dreams“, der Opener auf Anohnis neuer EP „Paradise“, in die eigene Aufmerksamkeit während die Welt um einen herum ausfadet. Zumindest wenn man Kopfhörer auf hat. Und das lohnt sich.

Anohni, früher bekannt als Antony Hegarty, vor allem mit seiner Band Antony and the Johnsons, ist mittlerweile deutlich mehr bei sich angekommen, lebt als Frau, und hat auch ihre Musik mit Nachdruck in ein neues Licht gestellt. Waren es geneigte Hörer bisher gewohnt, dass Anohnis einzigartige Stimme von sanftem Kammerpop umspielt wird, wurde mit dem 2016er-Album „Hopelessness“ alles auf Null gestellt. Musikalisch entfaltet sich auf dort kraftvoll-cineastische Breitwand-Elektronik, die Anohni gemeinsam mit dem aufstrebenden schottischen Produzenten Hudson Mohawke und dem US-amerikanischen Musiker Oneohtrix Point Never kreierte. Auch inhaltlich schlägt sie seit der vergangenen Jahr neue Töne an. „Hopelessness“ ist ein verzweifelter Schrei, ein Protestalbum.

Nun erschien, nur ein Dreivierteljahr später, die neue Anohni-EP „Paradise“. Zwar sind die Aufnahmen in den Sessions für „Hopelessness“ entstanden, unterscheiden sich aber mitunter stark vom Sound des Albums. Die Songs wirken teils rauer, tanzbarer und verspielter – aber ohne dabei ihre Dringlichkeit zu verlieren. Die Beats speisen sich stärker aus Dub und Trap, grooven mehr. Vor allem auf Kopfhörern oder guten Anlagen entfalten sich das Spiel mit ratternder Hi-Hat und gewaltiger Bassdrum und bieten spannende Brüche mit tragenden Synths und Anohnis Texten. Inhaltlich bedient sich Anohni weiter ihrer neuentdeckten Sprache von Protest und Not. So verlängert sie den mächtigen Eindruck von „Hoplessness“ ins Jahr 2017 und lässt nicht locker, uns an unsere Verantwortung für die Erde samt all ihrer Bewohner zu erinnern. Schon im zweiten Track der EP, dem Titeltrack, bringt sie, „Hopelessness“ schreiend, das letztjährige Album und seine Themen zurück ins Gedächtnis. Die Songs bleiben ernst und anklagend, die Themen düster. Wo „Hopelessness“ in grandiosen Stücken wie „4 Degrees“ oder „Dronebomb Me“ einen appellativen, ja empowernden Charakter hatte, überwiegen bei den Stücken auf „Paradise“ Verzweiflung und Wut.

Die „Paradise“-EP ist mehr als nur die Resteverwertung der „Hopelessness“-Sessions. Sie ist in Zeiten von Donald Trump ein notwendiger Aufruf zur Einmischung. Auch wenn der EP die musikalische Grandezza abgeht und die Songs nicht die gleichen hohen Bögen schwingen wie die des letztjährigen Albums, kann man sich der Dringlichkeit und Ansprache Anohnis nicht verschließen.

 

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