Oh, Nico! Oder: Anika im Festsaal Kreuzberg

„Ach, du bist die Anika?“, der Türsteher am Festsaal Kreuzberg in Berlin gibt Anika verlegen ihre Tasche zurück, die er gerade noch prüfen wollte. Die blonde Engländerin und temporäre Wahl-Berlinerin macht einen unscheinbaren, zahmen Eindruck. Sie kümmert sich selbst darum, dass dem Fahrer ihrer Tourwagens das Tor zum Innenhof geöffnet wird und mischt sich noch kurz vor ihrem Auftritt unters Publikum.

Auf der Bühne jedoch verwandelt sie sich in eine abgeklärte Botschafterin, die den Strippenziehern der Weltpolitik mit ihren Textinhalten einen Spiegel vorhält. Anika ist nicht nur wortkarg, sie richtet nicht einziges Wort, keine Begrüßung, kein Abschiedsgruß an die übersichtliche Menge an Zuhörern. Das ist bei der Rolle, die sie spielt auch gar nicht nötig. Schon beim Durchhören des Albums beschleicht einen das Gefühl, diese Stimme und den teutonischen Akzent schon irgendwann einmal gehört zu haben. Nachdem die Parallelen zwischen ihrem Stil und dem der Velvet Underground-Muse Nico erkannt wurden, fällt es leicht sich auf ihre experimentellen Dub-Coverversionen einzulassen. Nicht nur der Gesang erinnert an Nico, auch Anikas gesamtes Erscheinungsbild, eine zierliche junge Frau mit weichen Gesichtszügen kommt dem Bild der Lou Reed-Gespielin sehr nahe. Das entnervt-entrückte Augenrollen verstärkt diesen Eindruck noch zusätzlich.

Aber Anika steht mehr zu als der Vergleich mit einer Schauspielerin der Achtziger. Auf ihrem Debütalbum bringt sie zwei Eigenkompositionen neben neun Coverversionen von politisch konnotierten Liedern von Bob Dylan, Yoko Ono und der Kinks unter. Die Eindringlichkeit ihrer Version von „Masters Of War“ wird von ihr in einen neuen, aktuellen Zusammenhang gesetzt. Dass Anika vor ihrer Zusammenarbeit mit Portishead-Mastermind Geoff Barrow als politische Journalistin engagiert war, spricht ihr zwangsweise eine Kompetenz und Seriosität zu, die sie so schnell nicht mehr ablegen kann. Sie führt damit eine neue Generation von politisch aktiven Musikern an, die insbesondere im Hinblick auf das aktuelle Weltgeschehen, ihrer Musik mehr zutrauen und abverlangen.

„Sadness hides the sun“ oder das, von ihr sehr dunkel interpretierte „Yang Yang“ trägt Anika fast stoisch vor. Man glaubt ein ironisches Lächeln auf ihren Lippen erkennen zu können, als sie ihre Eigenkomposition „Officer Officer“ mit dem Text improvisiert. Zwischen den Liedern versucht sie den Blickkontakt zum Publikum zu vermeiden, justiert nach jedem Song ihr Mikrophon neu und blickt nach hinten zu ihrer Band. Nach ihrem Auftritt verweigert sie konsequent eine Zugabe und bleibt hinter der Bühne verschwunden.

Anika ist ein Schmuckstück der jetzigen Musikszene, auf eine andere Art wie Nico es war. Die beiden werden sicher noch häufiger miteinander verglichen werden. Spätestens im July 2011, wenn Anika zusammen mit Portishead eine Veranstaltung des All Tomorrow’s Parties Festivals in London kuratiert. Titel:  I’ll be your mirror. Ein schöner Zufall.

Anika ist auf Tour – präsentiert von ByteFM

25.05.2011 Hamburg – Kampnagel
26.05.2011 Frankfurt – Sinkkasten
27.05.2011 München – Kranhalle

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Diskussionen

Ein Kommentar
  1. posted by
    barbara
    Mai 25, 2011 Reply

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