Neue Platten: My Bloody Valentine – "M B V"

My Bloody Valentine - M B V (My Bloody Valentine)My Bloody Valentine – „M B V“ (My Bloody Valentine)

9,9

Und die Welt hielt für einen Moment den Atem an. Okay, nicht ganz, aber für manch einen fühlte es sich so an, denn My Bloody Valentine haben gerade eine neue Platte veröffentlicht. Gute 21 Jahre nach ihrer letzten, der sagenumwobenen und monumentalen „Loveless“. In der Zeit seit 1991 haben sie so häufig ein neues Album angekündigt, dass die ganze Angelegenheit nur noch zu einem Never Ending Running Gag wurde. Eigentlich hat niemand wirklich noch damit gerechnet, irgendwann einen neuen Ton des Quartetts zu hören.

Aber im Herunterwirtschaften war die Band schon immer gut. Gegründet 1984 nahm man sie mehr oder weniger am Rande der Gitarrenmusik der damaligen Zeit wahr, als einen lahmen Abklatsch populärer Bands wie den Shop Assistants, Talulah Gosh oder sogar den Primitives, die wiederum selbst nur … Aber lassen wir das. My Bloody Valentine machten damals Singles wie „Sunny Sundae Smile“ und „Strawberry Wine“: knallbunter, überkandierter, schrammeliger Jungs-Mädchen-Gitarrenpop mit deutlichen Bezügen zu Velvet Underground und den Beach Boys, aber belanglos und im Klischee erstickt. Als die Band kurz vor der Bedeutungslosigkeit stand, nahm sie 1988 für das Creation-Label die EP „You Made Me Realise“ auf. Und plötzlich war alles groß und laut: Die verzerrten Gitarrenspuren von Bilinda Butcher und Kevin Shields wurden mehrfach übereinander gelegt und pflügten über den eigenen Gesang in psychedelischen, dichten und verzerrten, leicht schiefen und verbogenen Endschlossschleifen hinweg. Bassistin Debbie Googe und besonders Schlagzeuger Colm Ó Cíosóig hielten sich endlich nicht mehr verzagt zurück. Als hätten sich Sonic Youth, Phil Spector und die Cocteau Twins zum Stelldichein getroffen. Es folgten 1988 das großartige Album „Isn’t Anything“ und drei Jahre später besagtes Überwerk „Loveless“, für das unzählige Produzenten verschlissen wurden und das das Creation-Label an den Rand des finanziellen Ruins trieb. My Bloody Valentine wechselten zu Island Records, erhielten mehr als 500.000 britische Pfund für ein eigenes Studio – und lieferten nichts mehr ab. Die Band versandete und wurde zum eigenen Mythos. Immer wieder tauchten Gerüchte über angebliche Aufnahmen für eine neue Platte auf oder über eine bevorstehende Reunion. Die kam 2007 dann wirklich zustande: Normalerweise benötigt diese Welt kaum weniger als gealterte Musiker, die sich noch einmal zusammentun, um ein wenig an den Ruhm vergangener Tage anzuknüpfen. Nicht so im Falle von My Bloody Valentine. Die Band war lauter denn je und passte noch genauso gut in die Welt wie zu Beginn der 90er-Jahre. Ein zeitloser Sound, dem selbst Techno und die Folgen nichts anhaben können. Der aber jetzt lauter denn je wurde.

Und genau das beweist auch das neue Album „M B V“. Wie „Loveless“ hat auch „M B V“ die großartigsten Momente, wenn Kevin Shields seine Gitarre mit dem Tremolo in der Hand spielt. Auf diese Art hat das vor 1991 niemand gemacht, und auch danach im Grunde genommen nicht. Selbst die Platten, die sich in Richtung dieses My-Bloody-Valentine-Sounds bewegen, wie z. B. die wirklich schöne „Dreams Top Rock“ des Kölners Markus Schmickler, erreichten niemals diesen verdichteten und gleichzeitig fragilen Lärm. Erst mit dem siebten Stück, „In Another Way“, kommen My Bloody Valentine hier bei sich selbst an. Das heißt nicht, dass die vorheringen sechs Songs schlecht sind, aber sie heben sich von dem – zugegeben sehr hohen – Standard, den die Vier mit „Loveless“ gesetzt haben, nicht weiter ab. „In Another Way“ geht aber darüber hinaus. Die Akkorde sind selbst für Shields’ Verhältnisse extrem windschief und waren dem Dudelsackartigen noch nie so nahe. Das folgende „Nothing Is“ ist ein Stampfer der stumpferen Sorte. Es bollert und donnert, es hämmert und knarzt. Einfach auf der Stelle, dreieinhalb Minuten lang. Es ist das überraschenste Stück der neuen Platte, weil man der Band diese Einfachheit überhaupt nicht mehr zugetraut hat, diese Unfertigkeit und Ungestümheit. Und dann „Wonder 2“. Der Schlussakkord der Platte. Wo „Soon“ auf „Loveless“ noch als Konzession an die damalige Rave-Welle verstanden werden kann und auf eine besondere Art auch tanzbar ist, ist „Wonder 2“ nur rätselhaft und befremdlich. Ein sehr kaputter, sehr unruhiger Beat liegt einer irritierenden Vielschichtigkeit von Sounds zugrunde: hier sägende Gitarren, dort der schwebende Gesang von Kevin Shields und über allem ein dröhnendes Schaben und Schleifen, als würde ein Schwarm von Jets unentwegt darüber hinweg ziehen.

„M B V“ weckt wie „Loveless“ beim Hören den Wunsch, die Welt auszusperren, sie durch Lautstärke zu vergessen, sich in den dicken Melodien zu sudeln. Man muss diese Platte laut hören, damit man nichts verpasst, keine Nuance, sonst erschließt sie sich nicht. Genau deshalb sind die Konzerte von My Bloody Valentine auch so infernalisch. Pfeif auf den Ohrenarzt.

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