Nicolas Jaar – „Sirens“ (Rezension)

Cover des Albums Sirens von Nicolas JaarNicolas Jaar – „Sirens“ (Other People)

Veröffentlichung: 30. September 2016 (digital) / 14. Oktober 2016 (CD + Vinyl)
Web: nicolasjaar.net
Label: Other People

8,0

„Politisch ausgerichtet“ seien die Tracks, die auf „Sirens“ zusammenfließen, so die deutsche PR-Agentur von Nicolas Jaar. Kein Wort mehr zum Inhalt. Das überrascht, da die englischsprachige Presse ein langes Interview nach dem anderen veröffentlicht, in denen die Themen, die „Sirens“ bewegen, besprochen werden. Und dann wird auch noch Angela Merkel im Opener „Killing Time“ genamedroppt. Aber vielleicht ist es die PR-Strategie, niemanden in Deutschland mit allzu viel Politik-Bezügen zu vergrätzen. Oder aber die Agentur kann sich schon denken, dass jede Rezensentin online nach den Hintergründen buddeln wird.

Die sind: Pinochets Diktatur in Chile im vergangenen Jahrhundert, Polizeiwillkür in den USA heute, globalisiertes Elend auf der einen und globalisierte Sorglosigkeit auf der anderen Seite im kapitalistischen System. Nicolas Jaar – heute 26, beim Release seines Debüts „Space Is Only Noise“ vor fünf Jahren mit Wunderkind-Zuschreibungen überschüttet – hatte genug davon, seine Kunst auf seinen privaten Gedanken und Gefühlen zu basieren. Er richtete den Blick nach außen, erschüttert durch Zustände wie den Erfolg Donald Trumps und die Welle der Polizeigewalt gegen People of Colour in den Vereinigten Staaten. Aber intuitiv landete Jaars Fokus dabei wieder bei seinem eigenen Leben, bei der Geschichte von Chile, dem Land, aus dem Jaars Eltern in den 80er-Jahren flohen.

Das Spiel mit versetzt geschichteten, aus unterschiedlichen Geräuschen gewachsenen Ambient-Flächen und den daran geknüpften Brüchen kennt man von Nicolas Jaar. Sein 2015 veröffentlichter Soundtrack für den sowjetischen Avantgarde-Film „The Color Of Pomegranates“ aus dem Jahr 1969 und seine letzten EPs „Nymphs“ sind beste Beispiele für diese lückenreichen House-Arrangements mit Pop-Appeal. Auf „Sirens“ zerbricht als Erstes eine Glasscheibe. Es schließen sich Surren und Zerren an, an die Hand genommen wird das Ganze schließlich von angenehmem Klavierklimpern.

Ein heterogenes Grundrauschen hält „Sirens“ zusammen. Jeder Track geht in den anderen über, zwischendurch bekommen Aufnahmen wie die von einem Dialog zwischen Nicolas Jaar und seinem Vater Platz. Oder Jaars unaufgeregter, tiefer Gesang sticht auf einmal ins Ohr. Beim Song „Three Sides Of Nazareth“ erinnert der neben der sägenden Gitarre glatt an Suicide. Aber Rock ’n’ Roll ist „Sirens“ nicht. Das Album ist ein in sich schlüssiges Werk mit doppelten Böden, gespickt mit unterschiedlichen Sprachen und Perspektiven. Es beharrt nie auf einem Standpunkt – weder thematisch noch klanglich.

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