„Post“ von Björk wird 25

Cover des Albums

Björk – „Post“ (One Little Indian)

Björk Guðmundsdóttir weiß: Musik kann Leben retten. Sie singt davon, ganz explizit, in den letzten Minuten ihres Albums „Post“. „Sounds go through the muscles / These abstract wordless movements”, heißt es im Song „Headphones“. Die Wörter lesen sich ein bisschen wie ein wissenschaftlicher Essay: „They start off cells that / Haven’t been touched before.” Doch die Isländerin klingt dabei nicht wie eine Physikerin, sondern wie ein begeistertes Kind, das gerade zum ersten Mal Fahrrad fährt. Fröhlich lässt sie im Finale die Silben fliegen, ein sinnbefreiter Schwall aus Konsonanten und Vokalen. Und dann die entscheidende Zeile: „My headphones saved my life.“

Björk nannte diesen Song später einen „Liebesbrief an den Klang“. Ein treffender Abschluss eines Albums, das über 46 Minuten die Kraft der Musik an sich zelebriert. In all ihrer Vielfalt: Björk feiert die Lebensfreude des Jazz. Den Puls des Acid-House, der aus den Clubs ihrer damaligen Wahlheimat London brummte. Die Katharsis von avantgardistischen Industrial-Freakouts. Die Macht eines wahnsinnig guten Pop-Refrains. „Post“ wird heute, am 13. Juni 2020, 25 Jahre alt.

Kein Wunder, dass auf diesem Album so viele musikalische Stränge zusammenlaufen: Björk, zum Zeitpunkt von „Post“ 29 Jahre alt, wurde die Musik quasi in die Wiege gelegt. Ihr selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlichte sie im Alter von elf Jahren, eine Sammlung von isländischen Folk- und ins Isländische übersetzten Pop-Songs. Nur wenige Jahre später war sie eine der Schlüsselfiguren der isländischen Punk-Szene. Mit ihrer Band Tappi Tíkarrass spielte sie im Vorprogramm der britischen Underground-Punks Crass. Mit ihrer Nachfolgeband The Sugarcubes supportete sie U2.

„My headphones saved my life“

Nach fast einem Jahrzehnt als Bandmitglied veröffentlichte Björk 1993 ihr erstes „wirkliches“ Soloalbum „Debut“, auf dem sie elektronische Bässe und Beats in ihren Stilmix aufnahm. Auf „Post“ riss sie, unterstützt vom „Debut“-Produzenten Nellee Hooper und Trip-Hop-Experten wie Tricky und Howie B, endgültig alle musikalischen Grenzen ein.

In nur zwei Songs zeigt sie das emotionale Potential elektronischer Musik: „Army Of Me“ eröffnet das Album mit einer Kampfansage, angefeuert von Techno-Drums und verzerrten Bässen. „If you complain once more / You’ll meet an army of me”, droht sie. Es ist Musik gewordene Selbstermächtigung. Ein Song, den man auch beim Einmarschieren in die Box-Arena hören könnte. Wenig später folgt die ebenso elektronische „Hyperballad“, deren House-Beats aber ein ganz anderes Bild malen. Hier zeigt sie sich verletzlich: „I go through all this / Before you wake up / So I can feel happier / To be safe up here with you.”

Und die beiden Songs sind erst der Anfang. „Post“ ist ein Album voller musikalischer Stolperfallen, voller 90-Grad-Wendungen und überraschender Ideen. Nach dem fast schon brutal groovendem „Enjoy“ erklingt „You’ve Been Flirting Again“, eine herzzerreißende Ballade, ausschließlich von Streichern getragen. „I Miss You“ beginnt mit subtilen IDM-Beats und endet mit chaotischer Polyrhythmik. Und dann gibt es da noch „It’s Oh So Quiet“, ein Cover eines deutschen Showtunes aus den 40er-Jahren. Björk und ihre Crew bauen den Song bis ins letzte Detail liebevoll nach, jeden Paukenschlag, jedes geschauspielerte „Hey!“. Und warum? Weil er es verdient, gehört zu werden. Und weil Björk nicht nur diesen Song liebt, sondern die Musik an sich. In all ihren Formen.

Veröffentlichung: 13. Juni 1995
Label: One Little Indian

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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