Poliça – "Shulamith" (Album der Woche)

Cover des Albums „Shulamith“ von Poliça

Poliça – „Shulamith“ (Memphis Industries)

Genrebezeichnungen sind aufgehoben. Auto-Tune ist plötzlich schicklich und nicht mehr zum Ausgleich stimmlicher Schwächen gedacht. Ein Albumcover, welches beinahe mehr Blut als Haut zeigt und in Deutschland nur in einer verpixelten Version verkauft wird.

Zugegeben: Das aus Minneapolis stammende Musikerkollektiv Poliça, welches von Sängerin Channy Leaneagh und Produzent Ryan Olson im Jahr 2011 gegründet wurde, lässt sich nur schwer in eine Schublade stecken. Wohl auch zur Genugtuung der Bandmitglieder, die sich selbst nicht auf ein Genre festlegen wollen und nur wenig von sich preisgeben.

Mit dem im Februar 2012 veröffentlichten Debütalbum „Give You The Ghost“ wurde deutlich, dass Poliça nicht zu den Bands gehören, die die Halbwertsdauer eines einzelnen guten Songs haben. Innerhalb kürzester Zeit verzauberten sie mit ihrem außergewöhnlichen Sound. In den Ritterstand erhoben wurden sie von Bon-Iver-Frontmann Justin Vernon persönlich, der sie als beste Band, die er je gehört habe, bezeichnete.

Da war es nicht verwunderlich, dass die erste im April 2013 veröffentlichte Single aus dem neuen Album eben in der Zusammenarbeit mit dem Ausnahmetalent Vernon entstanden ist. Das offizielle Video der treibenden Synthie-R’n’B-Kollaboration „Tiff“ erschreckt mit einer grausamen Folterszene, bei der Channy Leaneagh sowohl Peiniger als auch Opfer spielt. Bei YouTube kommentiert sie dazu: „A portrait of a woman as her own worst enemy.“ Gewalt und Blut finden sich nicht nur in diesem Musikvideo: Das Cover des nun erscheinenden zweiten Studioalbums „Shulamith“ zeigt eine abgewandte Frau mit blutverschmiertem Kopf, Nacken und Schultern. Eine (paradoxe) Anspielung auf die radikale Aktivistin und Denkerin Shulamith Firestone, eine wichtige Figur der Frauenbewegung der 1970er-Jahre? Analog zu ihrem Bandnamen kursieren auch hier mehrere mögliche Erklärungen, laut Leaneagh bedeutet „Shulamith“ nämlich auch Friede. Was genau Poliça mit dem Albumcover zeigen wollen, bleibt wohl – wer hätte es gedacht – der Interpretation jedes Einzelnen überlassen.

Eine durchdringende Düsternis

Poliça sind auf ihrem Zweitling dem Erfolgsrezept ihres ersten Albums treu geblieben: Leaneaghs Stimmspur wird nach wie vor durch Effektgeräte gejagt, was ihr eine feengleiche Aura verleiht. Und diese gliedert sich wiederum perfekt in den dahintreibenden Strom von Synthies ein. Denn auch diese sind wie die Stimme gedoppelt, verzerrt und mit einer ordentlichen Portion Hall versehen. Im Gegensatz zum ersten Album, was bis auf den letzten Track ausschließlich mit diesen Stimmeffekten arbeitet, kommen auf „Shulamith“ auch gemäßigtere Bearbeitungen zum Tragen – einige Tracks lassen sogar Leaneaghs natürliche Singstimme erahnen, wie das Stück „I Need $“. Eine besondere Soundnuance ergab sich schon auf „Give You The Ghost“ durch den Einsatz zweier Schlagzeuge. Und auch auf „Shulamith“ finden sich Tracks, die durch einen besonderen Beat bestechen: „Vegas“ beispielsweise fängt mit einem einfachen Rhythmus in der Strophe an und erfährt im Refrain eine krasse Zuspitzung auf ein hektisches Trommelfeuer. Channy Leaneagh fühlt nach eigener Aussage den Beat in diesem Song wie die Lyrics und umgekehrt die Lyrics wie den Beat.

Doch was das Album besonders hörenswert macht, ist die Vielfalt auf den verschiedensten Ebenen. Sei es nun der Gesang, der sowohl durchdringend und beinahe aggressiv daherkommen kann, wie auf dem Opener „Chain My Name“, aber auch sehr zurückgenommen und fast nuschelnd wie bei „Trippin“. Oder seien es die Variationen im Tempo der einzelnen Songs. So ist „Smug“ ein verträumt, langsam dahinschwebendes Electro-R’n’B-Klanggebilde, wohingegen „Spilling Lines“ mit seinem hektischen Drum’n’Bass-Rhythmus und dem hämmernden Deep-House-Intro fast schon brutal erscheint.

Insgesamt ist das zweite Album von Poliça geradliniger als sein Vorgänger, durchaus auch sphärischer und verträumter, aber auch um einiges ruhiger und dunkler. Eines steht fest: Poliça werden noch lange von sich Reden machen. Poliça werden noch lange außergewöhnliche Tracks kreieren. Poliça werden sich auch weiterhin jeglichem Schubladendenken entziehen und sich auf das besinnen, was sie am besten können: Musik. Anspruchsvolle und undefinierbare Musik.

Veröffentlichung: 18. Oktober 2013
Label: Memphis Industries

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