Britta – „Irgendwas ist immer“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Irgendwas ist immer“ von Britta

Britta – „Irgendwas ist immer“ (Flittchen Records)

Da zum Jahresende traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, den Blick nach hinten zu richten: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2019 ein Jubiläum gefeiert haben. In dieser Woche ist es „Irgendwas ist immer“ von Britta, das in diesem Jahr 20 Jahre alt geworden ist.

„Wie war Dein Jahr?“ Auf diese Frage gibt Britta-Sängerin und Gitarristin Christiane Rösinger im Song „Irgendwas ist immer“ folgende, ziemlich ernüchternde Antwort: „Ich kam vom Winterschlaf in die Frühjahrsmüdigkeit / Von der Frühjahrsmüdigkeit ins Sommerloch / Ich kam vom Sommerloch in die Herbsttraurigkeit / In den Winterschlaf / Und zwischendurch gab‘s Momente, die waren gut.“ Es gibt viele gute Gelegenheiten, Britta zu hören. Das Ende eines Jahres ist eine von ihnen.

Das nun zu Ende gehende Jahr 2019 markiert für die Band aus Berlin gleich zwei Jubiläen – ein tragisches und eines zum Feiern. Am 14. Dezember 2004, vor etwas mehr als 15 Jahren, starb Schlagzeugerin und Namensgeberin Britta Neander an den Folgen einer Herzoperation. Mit nur 48 Jahren hinterließ die Musikerin eine beeindruckende künstlerische Vita: So trommelte die gebürtige Hamburgerin sowohl für die deutsche Punk-Institution Ton Steine Scherben als auch für Untergrund- und Ewige-Geheimtipp-Bands wie Carambolage und Lassie Singers. Die letzten sieben Jahre ihres Leben verbrachte sie in der Band, die sich nach ihrem Vornamen benannte – und die im Jahr 1999, vor 20 Jahren, ihr Debütalbum „Irgendwas ist immer“ veröffentlichte.

Kristallener Kuschel-Riot

Rösinger und Neander standen schon mit Lassie Singers gemeinsam auf der Bühne und im Studio. Anfang 1997, kurz nach dem Aus ihrer Band, lernten sie Bassistin Julie Miess kennen. Gemeinsam kreierten sie einen Sound, den sie selber als „Kuschel-Riot“ beschrieben: Melodische Bass-Figuren umkreisten minimalistische Gitarrenakkorde. Neanders Schlagzeug rumpelte subtil, ohne Eile, mit unaufdringlichem Swing.

Während der Großteil des deutschsprachigen Indie-Untergrunds UK-Bands wie The Smiths oder The Fall nacheiferte, klangen Britta eher US-amerikanisch. Nach den frühen R.E.M., nach dem Rumpel-Rock von Pavement, nach dem schwerelosen Melancholie-Pop von Team Dresch. Nur Rösingers sanfte, immer ein bisschen neben der Tonart tanzende Berliner Schnauze verrät den Lebensraum dieser Musik. War sie als Teil der Band Lassie Singers immer nur eine Stimme im Chor, erklang sie auf „Irgendwas ist immer“ kristallklar im Mittelpunkt der Musik.

Von Beruf Desillusionistin

Zu Anfang des Albums, wenn Rösinger Heinrich Heines „Sie haben heute Abend Gesellschaft“ interpretiert, klingt das noch etwas irritierend. Doch wenn sie ihre eigenen Wörter intoniert, dann passiert Magie. Rösinger vermag es, einen Menschen mit nur vier Sätzen komplett aus der Fassung zu bringen: „Er wirkte so desinteressiert / An der Welt, an dem ganzen Drumherum / So vornehm deplatziert / Und doch stets sich selbst genug.“ Sie ist halt von Beruf Desillusionistin, wie sie in „Ex und Pop“ behauptet. Und kann dennoch einen Slogan eines Ölspeicherherstellers („Ich bin 2 Öltanks“) in einen berührenden Song verwandeln. Im Sammelband „These Girls – Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte“ beschreibt Ja-Panik-Sänger und Aushilfs-Britta-Gitarrist Andreas Spechtl diese Magie sehr treffend: „Texte, in denen sich ein weiches Herz auf unnachahmliche Weise mit Menschenhass paart.“

Auf „Irgendwas ist immer“ folgten noch drei weitere Alben. Sogar über Neanders Tod hinaus ließen Britta sich nicht von ihrem Pfad abbringen, 2006 erschien mit Sebastian Vogel (Kante) am Schlagzeug das bisher letzte Album „Das schöne Leben“. Richtig erfolgreich wurden sie nie – weil die „Hamburger und Berliner Schulen in Wahrheit Bubeninternate waren“, vermutet Spechtl in erwähntem Text. Britta praktizierten ihre Magie quasi im Verborgenen, in mittelgroßen Clubs, in verrauchten Kneipen. Ihre Songs gehören zu den bestgehüteten Geheimnissen des deutschen Pop – und verdienen es, gehört zu werden. Nicht nur zum 20. Geburtstag, nicht nur zum Ende des Jahres – sondern zu jeder Gelegenheit.

Veröffentlichung: 1999
Label: Flittchen Records

Bild mit Text: Förderveein „Freunde von ByteFM“

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