Dendemann im Interview

Dendemann war bestens gelaunt, als er sich mit uns Anfang Oktober zum Interview in der Fabrik in Hamburg traf.
Bereits im Frühjahr spielte er hier das erste Konzert seiner aktuellen Tour mit dem Album „Vom Vintage Verweht“. Als er damals unter großem Jubel die Bühne betrat, meinte der Hamburger Rapper: „Dendemann und Hamburg – da kann ja eigentlich nichts schief gehen.“ Und er sollte recht behalten. Das Publikum feierte ihn, aber das hatte er sich mit einer energetischen Show auch verdient. Er fühlt sich sichtlich wohl, mit seiner Band Die Freie Radikale auf der Bühne zu stehen.
Wir sprachen mit dem „unehelichen Adoptiv-Beastie-Boy“ über das Parasitenhotel HipHop, die Produktion seines aktuellen Albums „Vom Vintage Verweht“ und Fans, die von seinem neuen Musikstil nicht unbedingt begeistert sind.

In der Zeit gab es vor kurzem einen Artikel mit der großen Überschrift „HipHop siecht“. Das Genre würde in einer kreativen Sackgasse stecken und jetzt wäre wahr geworden, was NAS schon 2006 diagnostiziert hatte: HipHop is dead. Was hältst Du von solchen Aussagen?

Das ist auf ne Art natürlich selbst statistisch gesehen ziemlicher Quatsch, weil HipHop und R’n’B neben ich glaube Country die erfolgreichsten Musikrichtungen auf dem Markt sind (lacht). Was man dann inhaltlich davon hält und ob man das auch noch dazu zählt, ist eine andere Sache. Aber das ist doch jeder erfolgreichen Genre-Musik so gegangen. Das, was komisch ist, das sind ganz normale Begleiterscheinungen des Erfolgs, und nicht des Mißerfolgs. Es gibt auch Begleiterscheinungen des Misserfolgs: diese Neediness und das manchmal sehr verzweifelt wirkende Promoverhalten einiger Kollegen (lacht). Aber ansonsten seh‘ ich das nicht so eng. Ich finde auch, dass das so groß ist und so verpoppt, dass man wirklich überlegen muss: Was ist denn jetzt eigentlich noch HipHop?

Im Song Nesthocker rappst Du darüber, wie aus Deinem Zuhause HipHop ein Parasitenhotel geworden ist. Was glaubst Du, wie es dazu gekommen ist?

Ich bin natürlich der Parasit im Hotel, der sich da einfach breit gemacht hat und in dem Lied findet, es wäre endlich mal Zeit, auf eigenen Füßen zu stehen und diese Elternhaus HipHop auch mal für nen Moment zu verlassen. Mit dem Wissen: Wer wirklich ein Nesthocker war, der bleibt das ja, das kann man nicht einfach rückgängig machen, erst mit Mitte 30 ausgezogen zu sein. Der kommt nämlich auch Jahre später noch mit Schmutzwäsche zu Weihnachten nach Hause (lacht). Und das ist im Prinzip das, was ich mir damit bewahren wollte. Nicht den Weg zurück, sondern das Wissen, das ist ne Hassliebe, immer gewesen. Seit ich mich damit auseinandersetze, wusste ich, was ich doof daran finde und was ich gut daran finde.

Was sind die Dinge, auf die Du gut verzichten könntest?

Was schlecht ist, ist ganz klar: der Materialismus, die Frauen– und Schwulenfeindlichkeit und die Gewaltverherrlichung. Auch als Fan, als deutscher Junge von einer amerikanischen Kultur Fan, die man so überhaupt nicht begreifen kann, wenn man’s mal genau darauf anlegt. Aber es hat schon seinen Grund, dass viele meiner Generation erst mit De La Soul so richtig warm geworden sind, was HipHop angeht.

Viele der aktuellen amerikanischen HipHop-Künstler entdecken gerade wieder den Soul für sich, die Ursuppe, aus der R’n’B und HipHop entstanden sind. Du selbst besinnst Dich dagegen auf den Rock Mitte, Ende der 80er. Was ist es, das Dich an dieser Musik fasziniert?

Es war ne ganz einfache Formel, die ich nicht kannte, von deren Existenz ich auch nicht wusste und die sich irgendwann im Kopf so zusammengesetzt hat, und wo ne Lösung bei rauskam. Es war einfach so: Auf der Suche nach Inspiration im Aktuellen nichts mehr gefunden, im Lieblings-HipHop der 90er alles an Inspiration herausgefiltert, was so ging und dann der tiefe Wunsch, Musik zu machen, die energetisch ist. Alles fügte sich zusammen, wie ein Puzzle: Da war doch was! Natürlich habe ich durch Beatsteaks-Features meine Rockerfahrung gesammelt, und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Damals wurde gebrüllt, das machst Du gerne, und es war schon sehr energetisch und laut und brachial, und das steht mir doch.

Warst du schon immer Fan der Bands dieser Zeit und von solchen Rap-Rock-Kombinationen wie den Beastie Boys oder Run DMC?

Ich hab ’88, ’89 angefangen, amerikanischen HipHop wirklich zu hören und zu kaufen. Also hab ich diese Phase tatsächlich so ein bisschen verpasst. Zwar natürlich nachgeholt, aber auch wieder vergessen. Und irgendwann habe ich mich gefühlt wie so ein unehelicher Adoptiv-Beastie-Boy (lacht). Und das hat sich gut angefühlt!
Bei diesem ganzen Golden-Age-Gelaber ist mir aber auch aufgefallen, dass Genre-Musiker und Fans von Genre-Musik, – generell, aber im HipHop ganz extrem – dass alle die vermeintlich beste Zeit an den 3,4 Jahren fest machen, als sie es am intensivsten erlebt haben. Wenn ich also sage: „Alter, ’95 war ein Jahrgang!“, dann guckt mich der nächste an und sagt: „’95, Alter? Weißt Du was ’93 alles rausgekommen ist?“
’95 war aber das Jahr, in dem ich zum ersten Mal ein Vermögen für Platten ausgegeben hab. Jemand der ’89 das schon getan hat, wird mir erklären, dass ’95 kein guter Jahrgang war, sondern dass es wirklich besseres gab. Das zählt überhaupt nichts, das geht es nur um das Bewusstsein, dass es so ist.
Im Endeffekt brauche ich aber immer schon sehr viel Input, um dann selber was machen zu können. Gott sei Dank bin ich dann in der Herangehensweise so eigen, dass es selten kopiert klingt. Ich kann das auch nicht, irgendwas Rohes wird da immer bleiben. Wenn ich jetzt ne Dirty-South-Platte machen wollen würde, spätestens wenn ich da drüberbölze über die Beats, wird es wieder nach mir klingen und das Radio wird es wieder hassen (lacht).

Du hast die Beats nach dieser Formel selbst am Laptop zusammengebastelt. War es dann schwer, das Ganze auch im Studio mit einer Band umzusetzen?

Es war erschreckend einfach umzusetzen. Viel einfacher, als ich gedacht hätte! Bei einigen Songs musst Du schon aufpassen, dass Du weißt, was gerade läuft: die Computerskizze oder die Aufnahme. Es gibt Songs, die sind schon sehr sehr nah dran. Das ist aber auch so mit Moses Schneider (der Produzent des Albums, d.Red.) hingesetzt und gesagt: Hier, das sind meine Beats und das ist meine Wunschintrumentierung. Das homogene sollte reingeprügelt werden durch Selbstbeschneidung. Indem man sagt: Ich möchte Klavier – kein E-Piano – ich möchte Klavier, und das soll mit Mikrofon abgenommen sein. Und ich möchte Drums und ich möchte synthetische Bässe. Und das waren die drei Instrumente, die die Platte eingespielt haben.

„Die Pfütze Des Eisbergs“ ist 2006 erschienen, „Das Schweigen Dilemma“ ist jetzt schon sieben Jahre her. Wie kommt es zu den großen Abständen zwischen Deinen Releases?

Ich pack‘ das gar nicht eher (lacht). Ich brauch schon ne ziemlich klare Vorstellung davon, was als nächstes passieren soll. Das führt soweit, dass die Platten fast schon konzeptionell wirken. Ich bin dann einfach musikalisch in einem bestimmten Film, den ich aber auch erst vertiefen muss. Das ist genauso wie mit einem Song. Beispiel Nichtschwimmer: Bei so nem Lied ist der Titel zuerst da. Ich lauf bei Thalia vorbei, sehe nach 100 Jahren immer noch „Endlich Nichtraucher“ im Schaufenster dekoriert und fange an zu rattern: „Endlich Nicht-. Endlich Nicht-. Da muss es doch noch irgendwas anderes geben! Endlich Nichtschwimmer. Hört sich ganz gut an“, und spinne dann den Rest im Prinzip drum herum. Aber um das zu tun, muss ich mir erstmal überlegen, was soll das eigentlich heißen. Und so ist es mit allem. Ich hab da nicht so die Hast (lacht). Das kommt so nach und nach. Die Texte schreiben sich dann in drei vier Nächten. Aber nicht jede Woche. Sondern alle paar Woche mal (lacht).

Wann hat sich denn die Idee für das Konzept von „Vom Vintage Verweht“ entwickelt?

Ende 2008. Da war ich noch so am Rumspinnen und hatte auch noch Ideen mit französischer Elektronikmusik und hatte ursprünglich die Idee, es live einspielen zu lassen und dann von jemandem, der diese Art Musik macht, editieren zu lassen. Also ich hatte mir überlegt, dass es sich bestimmt lustig anhören würde, wenn jemand diese typischen Hack-Edits, die Justice und sowas haben, in Live-Insturmente reinmacht. Ist was komplett anderes bei rausgekommen (lacht). Wir haben bei 90% der Stücke gar nichts arrangiert, weil es so eingespielt war.

Ihr habt Euch also hingestellt, die Songs performt, und der beste Durchgang hat es auf das Album geschafft?

Mit Option auf Schneiden natürlich, und es gibt auch Backing-Vocals, die nachträglich aufgenommen wurden, und von zwei Stücken sind auch die endgültigen Strophen erst nachträglich aufgenommen worden, aber über 80% der Platte sind so entstanden. Das war das Konzept, das ich mit Moses hatte, bei dem es um Energie ging. Es ging ganz klar darum: Unser Vocalist ist live im Ernstfall etwas besser als im Studio. Vom Ausdruck, von allem. Wie bekommt man diese Live-Energie auf ein Studioalbum? Also ins kalte Wasser. Ab damit.

Habt Ihr lange dafür gebraucht, bis ein Song dann wirklich so gut war, dass Du gesagt hast: Der kommt auf’s Album?

Das ging ziemlich schnell (lacht). Die Musiker haben wirklich das Lied, dass sie spielen sollten, an dem Tag gehört. Wir haben uns für die Live-Aufnahen 2×5 Tage gegeben. Das heißt, wir mussten also an einigen Tag auch mal zwei Songs machen.

Man hat das Gefühl, mit einer Band im Rücken fühlst Du Dich ziemlich wohl. Kannst Du Dich noch an Deinen ersten Auftritt mit Band erinnern?

Schwer zu sagen. Es war auf jeden Fall ein Gastauftritt. Ich glaube vor vier Jahren als Gast einer Veranstaltungsreihe aus Berlin namens „Live-Demo“. Das war ein Zusammenschluß verschiedener Veranstalter aus verschiedenen Bereichen mit verschiedenen Schwerpunkten und Stärken, die diese Party gemacht haben und dazu eine Hausband gebucht haben, die alle paar Monate mit 3,4 internationalen Mikrofongästen aufgetreten ist. Jeder so 3,4 Stücke. Da haben sie mich mehrfach für gebucht und ich habe mir die Bühne mit Künstlern wie Jaguar Wright, Kurtis Blow oder Dwele geteilt. Und die Band von damals, das sind die Musiker, die heute mit mir auf der Bühne stehen.

Hat Dich die Band damals so beeidruckt?

Das war so professionell, dass man einen Tag eher angereist ist zum Proben und ich im Prinzip da reinkam, die standen alle schon, hatten schon alleine geübt, und sie haben Nichtschwimmer angespielt und es war einfach jedes Break, alles war identisch, und da war es eigentlich gegessen. Das sind halt ziemliche Streber (lacht).

Wie kam es dann dazu, dass die Band dann auch Deine Band wurde?

Es ging ganz simpel los. Anfang 2008 kam die Anfrage für den Grönemeyer-Support-Tour. Dann war die Frage: Möchte man das machen? Und wenn ja, für was? Das ist keine Zielgruppenerweiterung. Das ist eine künstlerische Erfahrung, die man sich nicht nehmen lassen sollte. Aber wenn, dann mit Band, sonst bist Du Stadionsprecher. Und dann hab ich einfach gedacht, die können das ja schon, und hab die Jungs als erstes gefragt.

Ich hab Dich im Frühjahr schon live gesehen, als Du hier ein ziemlich umjubeltes Konzert gegeben hast. Direkt vor mir stand damals ein Fan, der ein bißchen enttäuscht gewesen ist, dass es viele Songs vom neuen Album waren und ab und zu Discjockey oder Hand auf’s Herz gerufen hat. Hast Du Dir da Gedanken gemacht, dass Du mit Deinem neuen Stil vielleicht ein paar Fans verlieren könntest, die schon seit Zeiten von Eins Zwo Fans von Dir sind?

Kann ich nicht. Ich hab da nie Rücksicht drauf genommen. Es gab da einfach in der Vergangenheit in diesem HipHop-Bereich größere Schnittmengen, dass sich einfach der Geschmack ähnlicher war. Ich habe da aber nie Rücksicht drauf genommen. Ich mein, was ist die Musik von der „Pfütze“ verrissen worden! Ich hab noch nie so viel Kritik für die Beats einstecken müssen, über die ich gerappt habe. Zu der Zeit war das aber meine Lieblingsmusik, ich hab diese Intrumental-CDs rauf- und runtergehört. Ich kann da keine Rücksicht drauf nehmen. Auch das zweite Eins Zwo Album, da haben auch schon Leute gesagt: „Warum denn jetzt dieser ganze Jazz-Kram?“. Ja, weil von zu Hause bis zum Studio war Slam Records auf dem Weg, und die haben nun mal nur scheiß Soul und Funk. Aber hervorragenden Jazz (lacht)! Das hat manchmal sehr einfache Gründe (lacht).

Ziemlich interessant finde ich das Sample, dass Du im Song Papierkrieg verwendest: Tocotronics Explosion in der Berlin String Theory Version. Wie kam es dazu?

Als Ben Lauber, der Kollege von Moses Schneider am Computer zugange war, und das ist halt so wie wenn einer Internet hat und der andere nicht, das macht halt keinen Spaß daneben zu stehen, habe ich also im Studio rumgesucht und hab ne 7’’ gefunden von Tocotronic, wo auf der Rückseite stand Explosion String Version. Und für jemanden, der gerne samplet hört sich das schon mal nach verdächtig wenig Musik an, das heißt, da könnten Vocals freistehen. Und das ist ja auch nicht das erste Tocotronic-Zitat, Eins Zwo hatten ja auch schon mal eins. Ich hab mir dann das Ding angehört, direkt mitgenommen und mehrere Beats draus gemacht. Ich hab dann hinterhertelefoniert, kann man das machen, mir erstmal die Absolution von Dirk geholt. Als ich dann nach ner Stunde von meiner Telefoniererei zurückkam und sagte, super krass, wir können das machen, ich bastel da mal was draus, meinte Ben nur so: „Ich hätte auch das Acapella-Stück auf dem Rechner, das wurde ja hier aufgenommen“. Und dann haben wir uns entschieden, das Studio-Acapella zu benutzen, ohne Strings (lacht). Die Strings sind aber noch untergemogelt, so hier und da mal.

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