Idles im Konzert: „No One Is An Island“

Foto von Idles

Die englische Band Idles (Foto: Ebru Yildiz)

Schöne britische Akzente ziehen durch den sich langsam füllenden Raum des legendären Kreuzberger Punktempels SO36. Plötzlich taucht ein Satz in der Menge auf: „No One Is An Island“, bekannt als T-Shirt-Motiv des Protagonisten im Video zum Song „Danny Nedelko“ der Band Idles. Es wird das Motto des Abends bleiben, umschreibt es doch die Politik der Band: Anspielen gegen Vereinzelung, Mut machen, Kritik üben.

Zuvor, schon kurz nach Einlass, tritt das Berliner Trio Plattenbau auf. Der Bassist gleichzeitig für Rhythmus, Melodie verantwortlich ist. Sein Gesang ist verzerrt, während die Drums dreschen und wirbeln und das Keyboard sich in Synthie-Nebel und Feedbackschleifen ergibt, langsam Formen annimmt, bis wir im Jahr 1986 gelandet sind – in den besten Momenten sogar bei gutem Krautrock.

Vertrackter, verzerrter und lauter wird es beim Duo John, der zweiten Vorband. In der Tradition von Noise-Bands wie No Age oder Japandroids malträtiert auch hier der Drummer als Sänger das Mikrofon. Auf ihrem ersten Berlin-Konzert zeichnet sich die Band durch abrupt endende Songs, Stakkato-Einlagen und eine aus Wut und Empathie gespeiste Energie aus.

Mitten rein ins diskursive und mediale Getümmel

Idles aus Bristol haben sich mit ihren kurz aufeinanderfolgenden zwei Alben „Brutalism“ und „Joy As An Act Of Resistance“ mitten rein ins diskursive und mediale Getümmel geworfen und damit weit über die Indie-Szene für Aufsehen gesorgt. Doch während RezensentInnen einstimmig die Energie und die in der Tradition von The Fall, Crass oder Sex Pistols stehende Nöligkeit der Band loben, gehen die Meinungen über die Lyrics von Sänger John Talbot auseinander. Für die einen sind sie witzig, provokativ und aufgeladen mit kritischem Brennstoff; für andere dagegen sind die plakativen, politisch unmissverständlichen Botschaften zu eindimensional, teilweise gar esoterisch.

Das Konzert in Kreuzberg offenbarte jedoch die Wirksamkeit dieser Form der künstlerischen Gegenwartsbewältigung, die hinter der gekonnten Verbindung von derbem, basslastigem Post-Punk mit poetischer Gesellschaftskritik steht. Zu verdanken war dies der performativen Inszenierung der Band und, was nicht zu unterschätzen ist, der erstaunlichen Textsicherheit und Euphorie von mehreren hundert dicht an dicht Gedrängten. Das Kreuzberger Zusammenkommen entfaltete eine Sogwirkung und eine Komplizenschaft, der sich kaum eine Person im Raum entziehen konnte und die auf die Bühne zurückstrahlte.

So sehr sich Idles über die Verhältnisse, den seit dem Brexit-Referendum im UK aufstrebenden Nationalismus, Traditionalismus und eine offen zur Schau tretende Maskulinität in Gesellschaft und Politik auskotzen, finden sich in ihren Songs eben auch sehr persönliche Einblicke in Konflikte. Es waren dann auch diese Songs, die in ihrer Verletzlichkeit live noch einmal herausstachen. Sie erzeugten eine Ambivalenz und einen Überschuss, der so von den Zuhörenden gedeutet werden kann. Ähnliches schien in den Ansagen von Talbot an sein Publikum auf: „Equal opportunities for the poor and the rich!“ Wieviel davon Sarkasmus, wieviel Ernst war, blieb bewusst unklar.

Love Song für die EU

Bereits mit dem zweiten Song, „Colossus“, herrscht traute Ekstase. Das Schlagzeug, der sich wiederholende Bass und die Texte sind zum Bersten aufgeladen, bis sie der Sänger mit dem Nietzsche-Tattoo auf der Hüfte herausbellt. Fast wähnen wir uns in einer Kapelle, mit einem Talbot vorne, der über Klassenperspektive und gegen völkischen Nationalismus predigt. Die Botschaft geht durch seinen Körper, immer wieder schlägt er sich auf die Brust und den Kopf, wühlt sich durchs nach hinten gekämmte schwarze Haar.
Mit zunehmender Dauer des Konzerts setzt sich der performative Charakter auf der Bühne durch. So nimmt einer der beiden Gitarristen Reißaus nach vorne, ein anderer inszeniert sich als Marionette. Fast am Ende ist die Bühne zum Welttheater mutiert. Immer mehr Menschen steigen herauf, tanzen im Pulk, die Band überlässt einigen kurzzeitig die Instrumente. Wer spielt hier noch für wen?

Es sind diese Emotionen, die auch von anderen VertreterInnen wie Savages, Iceage oder Sleaford Mods eine Wut zeigen, die an anderer Stelle fehlt, der Mut zur Zuspitzung, die offenen Flanken in den Texten, musikalisch der Hang zum Crossover der Stile: hier Oi-Punk, Hardcore, da Indie-Rock, Noise oder eklektischer Punk. So wie im „Love Song“, den Talbot der EU widmet. Kein schlechter Move. Es ist der 11. November, genau 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, mittendrin in einer Zeit, in der weltweit Faschismus, Autoritarismus und Rassismus im Aufschwung sind.

Nass liegt die Oranienstraße vor den BesucherInnen des Konzerts. Sie treten aus einem Raum, in dem gerade versucht wurde, kollektive Handlungsoptionen auszuleuchten. Im besten Sinne Underground also: Es wurde kurzzeitig ein Ort geschaffen, in dem Monarchie und Alltag einer kritischen Revision unterzogen wurden und der in der Praxis, im Tanzen und Sprechen, schon einmal als vorübergehender Bruch mit den Normen erfahrbar war. Konzerte mögen vielleicht nicht die einzige Antwort auf die gesellschaftlichen Verhältnisse sein. Doch als Experimentierstätten künstlerischen Übermuts und kollektiver Sinnstiftung sind sie unabdingbar, da in ihnen die ganze Palette von Gefühlen, Erfahrungen, Politiken verhandelt und der absurden Realität da draußen entgegengesetzt werden kann. Idles und Fans haben es vorgemacht, jetzt kann es nur nach vorne gehen.

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