Max Graef & Glenn Astro: zwischen allen Stühlen

Foto von Max Graef und Glenn AstroMax Graef & Glenn Astro (Foto: Maximilian Virgili)

Max Graef und Glenn Astro führen eine junge Bewegung im musikalischen Untergrund zwischen Köln und Berlin an: Dazu gehören ehemalige HipHop-Produzenten wie Hodini (alias Hulk Hodn) oder Twit One, die schon länger mit gerader Bassdrum und angezogenem Tempo experimentieren, aber auch jemand wie Damiano von Erckert, der auf seinem Label Ava eine spannende Mischung aus Afro- und Deep-House, Disco und HipHop präsentiert. Mit „The Yard Work Simulator“ haben Graef und Astro nun ein gemeinsames Album beim denkbar passendsten Label für Zwischen-den-Stühlen-Musik veröffentlicht: Ninja Tune.

„Wir wollten ein Club-Album machen, aber gleichzeitig den Begriff erweitern“, so Graef. „Wir haben aber schon darüber nachgedacht, wie bestimmte Tracks in einem DJ-Set wirken würden. Der Gedanke war oft: Das sollte man mal probieren aufzulegen!“ „Genau“, lacht Astro. „Vielleicht traut sich ja jemand, das zu spielen.“ So ließen sich die beiden Plattensammler in der Produktionsphase von osteuropäischer Jazz Fusion, Detroit House oder alten Timbaland-Produktionen inspirieren. In einem Moment hört man dreckigen Techno, der an Kyle Hall erinnert, im nächsten Moment könnten die Rhodes-Akkorde direkt von der „Polish Jazz“-Reihe stammen. Es geht nicht um hochgezüchtete, funktionale Club-Tracks, sondern um Experimente in einem Spannungsfeld zwischen 110 und 135 BPM – zu schnell für zeitgenössischen HipHop, aber auch zu langsam und an der 4/4-Drum orientiert, um als Bassmusik durchzugehen.

Für eine klare Linie ist ihre Sozialisation einfach zu vielschichtig: Glenn Astro wuchs auf den HipHop-Jams im Ruhrgebiet auf, doch hörte bald lieber Nightmares On Wax und DJ Vadim als Creutzfeld & Jakob und RAG. Max Graef spielte 11 Jahre lang Jazz-Schlagzeug, „obwohl ich überhaupt kein Talent dafür habe.“ Als House-Produzent bewegte er sich im Umfeld des Oye-Plattenladens und gründete mit Freunden das Label Box aus Holz. Anfang 2013 lernten sich Astro und Graef über Soundcloud kennen, gemeinsam betreiben sie mit einigem Erfolg inzwischen das unabhängige Vinyl-Label Money $ex Records. Auch wenn die meisten Projekte auf Money $ex bisher in die House-Richtung gingen, bleiben Graef und Astro stilistisch offen. „Die ersten Releases waren zwar relativ straight, aber das wird auf jeden Fall noch anders“, so Astro. „Musikalisch geht es von Techno bis Jazz.“

Nicht nur ihr progressiver Ansatz unterscheidet Graef und Astro von eher klassisch orientierten Kollegen, sondern auch ihre LoFi-Soundästhetik. Diese entstehe aber nicht bewusst als Gegenentwurf, sondern als logische Konsequenz aus mangelhaftem Equipment, so Graef: „Das liegt primär an den Sachen, die wir haben. Dieser ganze billige Scheiß. Da ist ständig irgendwo Wackelkontakt. Bei uns herrscht einfach eine gewisse Egalhaltung dem HiFi-Industrie-Standard gegenüber. Die interessanten Platten sind ja meistens die, die billig aufgenommen wurden, weil die Musiker nur wenig Geld für die Produktion hatten. Momentan bin ich total interessiert an alten türkischen Platten, für die sich die Musiker sogar ihre Synthesizer selbst gebaut haben. Aber die haben sich nicht gedacht: Wir machen jetzt mal was, was geil billig klingt. Die haben es einfach nur mit ihren Mitteln versucht.“

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