Hochzeitskapelle + Japanese Friends – „The Orchestra In The Sky (Tokyo & Kobe Recordings)“ (Rezension)

Cover des Albums „The Orchestra In The Sky“ von Hochzeitskapelle + Japanese Friends

Hochzeitskapelle + Japanese Friends – „The Orchestra In The Sky“ (Alien Transistor)

8,5

Die Hochzeitskapelle ist einmal gegründet worden als einmalige Spontanzusammenführung mit schrulligem Instrumentarium (Spielzeugklavier und Harmonium, Tuba und Sousaphon, Bratsche und Banjo) anlässlich der Hochzeit von The-Notwist-Mitglied Markus Acher. Wurde allerdings fortgeführt mit dem Auftrag, die ursprüngliche Magie des erhabenen Augenblicks dauerhaft zu konservieren. Mittlerweile kann die Hochzeitskapelle neben der großen Stammband The Notwist den Status einer weiteren Drehscheibe im Universum des Labels Alien Transistor für sich beanspruchen. Feste Mitglieder: Markus und Micha Acher, die „Post-Volksmusikerin“ (ähem) Evi Keglmaier (u. a. Zwirbeldirn, Keglmaier), Mathias Götz (Le Millipede) und Alex Haas. Immer wieder auch mit dabei: Maxi Pongratz und Andreas „G.Rag“ Staebler (Chef von The Landlergschwister, Los Hermanos Patchekos und von Zelig Implosion) als Produzent.

Kein Uftata

Mit dreijähriger Vorlaufzeit erschien 2016 das Debütalbum „The World Is Full Of Songs“ und gab die Programmatik vor: Lieblingslieder aller Beteiligten sollten es sein, aus allen Teilen der Welt. Zwei oder drei besondere Höreindrücke stachen allerdings von Beginn an hervor: Einmal getragene Hausmusik ohne das Fußstampfige einer Gastwirtschaft-Traditionslinie von Bayern bis zum Balkan. Der Vergleich mit Emir Kusturica und Goran Bregović hinkt sowieso, aber zumindest hatten auch die ewig nostalgischen Jugoslawen immer eine Hochzeit oder einen Todesfall musikalisch zu begleiten und manchmal beides auf einmal – Trauern und Feiern fällt halt oft in eins. Emotionale und soziale Ausnahmesituationen müssen trotzdem nicht in derbem Uftata münden, das weiß die Hochzeitskapelle.

Sowieso: Eigentlich hat die Hochzeitskapelle meistens Fernweh. Dazu kommt ein großes Faible für das Folkige und Bluesige von merkwürdigen Außenseitern wie C. W. Stoneking, Moondog oder Elliott Smith. Und: Von Beginn an war die einladende Fremdheit Japans ein musikalischer Sehnsuchtsort. Bereits auf „The World Is Full Of Songs“ gab es den „Wedding Song“ mit Kama Aina aus Tokio, für die Hochzeitskapelle „maybe the most beautiful song we know“. Es folgte mit „Wayfaring Suite“ im Jahr 2018 ein ganzes Album mit diesen magisch-zerbrechlichen Stücken von Kama Aina.

Monumentaler Rumpeljazz

2019 wurde „If I Think Of Love” veröffentlicht. Längst hatte sich das japanisch-bayerische Netzwerk ausgedehnt und verästelt. Seit 2016 ist das japanische Duo Tenniscoats Teil des erweiterten The-Notwist-Universums, einmal mit der gemeinsamen Band Spirit Fest und einmal mit dem Blechbläser-Ensemble Zayaendo, einer spezifisch japanischen Fortführung der Idee „Hochzeitskapelle“. Jetzt liegt mit „The Orchestra In The Sky“ ein zumindest formal monumentales Doppelalbum unter dem Namen „Hochzeitskapelle + Japanese Friends“ vor, das den fortwährenden interkulturellen Austausch zusammenfließen lässt. Kein Kultur-Clash, sondern eine behutsame Kollaboration, verteilt auf zwei Session Recordings-Alben: „Kobe“ und „Tokyo“.

„The Orchestra In The Sky (Kobe Recordings)” ist allein schon 82 Minuten lang. “Garden Of Peace“ mit den bekannten Tenniscoats beginnt den Reigen sanft und elegisch, bevor das Album in den japanischen Underground abtaucht. Hörende sind eingeladen, diesen kulturellen Input rund um „The Orchestra In The Sky“ sowie die Alien-Transistor-Label-Sampler rhizomartig weiter zu entdecken. Da ist Gratin Carnival, ein Musiker, der sich hörbar selbst genug ist und von zu Hause aus sehr eigenwillige Alben auf Bandcamp veröffentlicht. Vom Solo für selbstvergessene Gitarre bis zu Folk-Jazz mit Klarinette und Oboe. Die Art, wie die Hochzeitskapelle diesen scheuen Künstler auf „Higasa Amagasa“ und „Unknown Street“ rumpelig und sanft zugleich begleitet, ist berührend. Rumpeljazz war von Anfang an das schöne Lettering für die Musik der Hochzeitskapelle und das sollte so beibehalten werden, auch wenn sich ein paar Dinge geändert haben. Es gibt jetzt viel (japanischen) Gesang und fast keine Cover mehr.

Liebenswürdigkeit ist Trumpf

Wichtig ist, die Gesamttendenz geht immer noch zum Unperfekten. Manches auf den beiden Alben läuft angenehm durch die Ohren, ohne dass viel hängenbleibt, aber das ist auch okay. Liebenswürdigkeit ist Trumpf. Mit am liebenswertesten sind die Aufnahmen mit der Psych-Folk-Band Eddie Marcon. Das klingt nach gutem Amerika von früher und nach altem, sentimentalem Film („Itsuno Manika Watashitachi“). Überhaupt weihnachtet es manchmal ein bisschen („Time Tonight“). Dagegen atmet das assoziativ breit aufgestellte „Poisong“ (mit Tenniscoats) Mardi-Gras-Feeling und zeigt, dass man zu Bläsern nicht nur streng marschieren kann, sondern auch lustvoll wandeln. Überhaupt ist New Orleans, wo man sich mit dem gleichzeitigen Trauern und Feiern (notgedrungen) seit jeher auskennt, ein guter Bezugspunkt nicht nur dieses Stücks. Die Gitarre von Takashi Ueno liefert eine hakelige Lo-Fi-Version von Neil Youngs „Dead-Man“-Soundtrack, während ein Trauermarsch à la „Just A Closer Walk With Thee“ (Treme Brass Band) umgeformt wird in einen lebensbejahenden Triumphzug.

Noch mehr Highlights im Schnelldurchlauf: „Surfing In The City“ mit Kama Aina und die dramatischen Schwerformate mit viel Lust am Crescendo beim Gipfeltreffen mit Zayaendo auf „The Orchestra In The Sky (Kobe Recordings)“: „Tsuki No Oto“, „Gagyu“, „Nennennokoroli“. Das ist dann tatsächlich monumentale Musik.

Veröffentlichung: 1. Dezember 2023
Label: Alien Transistor

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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