Swutscher – „Swutscher“ (Rezension)

Bild des Albumcovers von „Swutscher“ von Swutscher

Swutscher – „Swutscher“ (La Pochette Surprise Records)

7,8

Für ein atmosphärisches Fotoshooting im Freien braucht man in Schleswig-Holstein nicht viel. Einen bleigrauen Himmel, der über einem Deich mit grasenden Schafen wabert. Im Hintergrund ein verfallenes Hotel. Im Vordergrund fünf Typen, die mit norddeutsch gelassenen Mienen in die Kamera blicken. Es ist nicht das Filmplakat eines neuen NDR-Krimis, das hier beschrieben wird, sondern das Cover des neuen selbstbetitelten Albums der Hamburger Indie-Garage-Band Swutscher. Ein Album, das zu großen Teilen im beschaulichen Nordfriesland entstanden ist.

Seit dem Release ihrer 2018 erschienenen Debüt-LP „Wilde deutsche Prärie“ hat sich die Band in der deutschsprachigen Indie-Szene einen Namen gemacht. Vor allem durch ihre zahlreichen, schweißtreibenden Livekonzerte sowie Supportshows für Isolation Berlin und Element Of Crime. Post-Punk und Garage treffen hier auf Country, Kabarett, Folk und Krawall. Musik, die sowohl im Truck auf der Autobahn als auch im linken Szenelokal aufgelegt wird.

Flucht aufs Land

Die Corona-Pandemie setzte Swutschers wildem Ritt von Konzert zu Konzert, kurz nach ihrer 2020 veröffentlichten EP „Senf“ jedoch ein jähes Ende. Zwei Jahre später wagt das Quintett nun einen neuen Anlauf. Zwei Jahre, die für Sänger Sascha Utech nicht nur von der Pandemie, sondern auch durch einen Todesfall in der Familie geprägt waren. Für den Großteil der Aufnahmen der neuen Platte haben sich Swutscher schließlich nach Nordfriesland aufs Land begeben, ins geschichtsträchtige Watt‘n Sound Studio. Gegründet wurde es von der Musikerin Christiane Hansen und ihrem Mann Jochen, der unter anderem Bassist bei Rio Reiser war.

Mit dem post-punkigen Kracher „Daheim“ beginnt die neue LP. Über einem Gewitter aus verzerrten E-Gitarren-Riffs, hämmernden Keyboardakkorden und pulsierenden Drumbeats schreit Utech seine Lyrics hinaus in die Weite: „Hinterm Ortsschild gleich rechts / Schmeiß mich bloß raus / Ich will nie wieder weg!“ In „Daheim“ geht es zurück in die Provinz, raus aus der Hysterie und Komplexität des Großstadtlebens, rein in die warme Stube. Auch experimentellere Sounds finden auf der neuen Platte ihren Platz: So beginnt die Ballade „Im Suhlenkamp“ mit einem Beat aus einer alten Groovebox und auf dem psychedelischen Track „Mystische Nächte“ erklingen neben Drumcomputerloops tiefe Chorgesänge und entrückte Sitarklänge.

Von Pubrock bis Disco

Das Aufwachsen in der norddeutschen Provinz verbindet die Bandmitglieder. Zusammengefunden haben sie aber in den Punkrock-Kneipen und Clubs Hamburgs. Und wie auf dem Debütalbum befinden sich auch auf „Swutscher“ wieder einige Songs, die einem der schönsten Orte samt all seiner Klischees gewidmet sind: der Theke.

Die feiern die bekennenden Dr.-Feelgood-Fans im schunkelnden „Palm Royal“ oder im überdrehten „Rocker“. Bei ihrem wilden Ritt durch die Musikstile tappen die Musiker zum Glück nicht in die Daddyrock- oder Retrofalle. Ob Country- oder Pubrock, mit viel Witz und Ironie befreien Swutscher diese Genres von der Mackerhaftigkeit. Sicher, die hier und da eingestreuten doch sehr breitbeinigen Gitarrensoli lassen daran zunächst zweifeln. Doch wenn Diskurs-Pop-Dinos wie Tocotronic-Bassist Jan Müller „Rocker“ als brandneuen Klassiker bezeichnet, dann darf guten Gewissens losgegrölt werden: „Die Birne rot / Schnauze locker / Ich bin ein / wa wa wa wa wa / waschechter Rocker.“

Zu guter Letzt ist das neue Album „Swutscher“ aber vor allem ein Triumph für Hamburgs DIY-Szene. Während ihre Debüt-LP noch auf dem Berliner Label Staatsakt veröffentlicht wurde, nehmen Swutscher nun die Zügel selbst in die Hand. Das neue Album erscheint auf La Pochette Surprise Records, dem Label von Swutscher-Gitarrist Velvet Bein, der die Platte auch produziert hat. Bei so viel Authentizität und Identifikationspotential ist es natürlich nicht verwunderlich, wenn die neue LP in hanseatischer Bescheidenheit nach dem betitelt ist, was drinsteckt: Swutscher.

Veröffentlichung: 25. Februar 2022
Label: La Pochette Surprise Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

Das könnte Dich auch interessieren:

  • Seine klassischen Folk-Songs hat der britische Musiker L.A. Salami auf seinem neuesten Album „Ottoline“ um Streicher, Bläser und gesampelte Beats erweitert – und lässt damit sämtliche Genrezuschreibungen hinter sich, befindet unser Autor Conor Körber. ...
  • ByteFM bei der Pop-Kultur 2022: Interviews mit Isolation Berlin, Anna B Savage und mehr
    ByteFM war zu Gast bei der Pop-Kultur 2022! Auf unserem Interview-Sofa haben unter anderem Tobias Bamborschke (Isolation Berlin), Anna B Savage und Levin Goes Lightly Platz genommen....
  • Kelela – „Hallucinogen“ (Rezension)
    Man könnte es sich zur großen Aufgabe machen, über Kelelas neue EP „Hallucinogen“zu sprechen, ohne einmal den Namen FKA twigs in den Mund zu nehmen. Gelingt aber nicht, denn so ähnlich wie diese beiden schillernden R&B-Köpfe zu sein scheinen - ihr Unterschied wird zum interessanten Moment....


Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.