The Internet – „Hive Mind“ (Rezension)

Cover des Albums „Hive Mind“ von The Internet (Columbia)

The Internet – „Hive Mind“ (Columbia)

7,5

Wenn eine Band mit dem Namen The Internet eine Platte mit dem Namen „Hive Mind“, Englisch für Schwarmintelligenz, veröffentlicht, klingt das erst einmal nach kopflastigem Konzeptalbum über die Gefahren von Digitalisierung, Fake-News, Shitstorms etc. Beruhigenderweise ist die vierte Platte des kalifornischen R&B- und Soul-Quintetts aber kein glorifiziertes Angst-Thinkpiece geworden – stattdessen zeigen sich The Internet als perfekt aufeinander eingespielter Schwarm: Fünf MusikerInnen, die sich in ihrer Tightness ein gemeinsames Hirn zu teilen scheinen.

Hört man die Songs der fünfköpfigen Funk-Hydra, vergisst man schnell, wie The Internet überhaupt begonnen haben: Als Syd (damals noch mit dem Zusatz Tha Kyd) und Matt Martians 2011 ihre Karriere als LoFi-R&B-Duo starteten, waren sie noch Teil von Tyler, The Creators Kollektiv Odd Future. Im Verlauf der nächsten Jahre emanzipierten sie sich von der Alternative-HipHop-Krawallgruppe, bis The Internet mit dem 2015 erschienenen „Ego Death“ zu einer vollständigen Band inklusive Gitarre, Bass und Schlagzeug heranwuchsen. Aus Lo-Fi wurde Hi-Fi, ein Schritt, der mit einer Grammy-Award-Nominierung belohnt wurde.

2017 waren Syd, Martians, Gitarrist und Produzenten-Wunderkind Steve Lacy, Bassist Patrick Paige II und Drummer Christopher Smith noch mit eigenen Soloprojekten beschäftigt – einer der Gründe, warum The Internet nun mit „Hive Mind“ ihre neugewonnene kollektive Einheit zelebrieren.

Gefangen im Groove der gemeinsamen Intelligenz

Es ist schwer bis unmöglich, sich dem direkt auf die Hüfte zielenden Sog dieser Tracks zu entziehen: Songs wie der zwischen Half- und Double-Time oszillierende Opener „Come Together“ und das im schwindelerregenden Polyrhythmus groovende „La Di Da“ beeindrucken mit virtuosem Handwerk, über das Syd, hier vor allem als Sängerin, ihr nonchalantes Charisma ausbreitet. Im Vergleich zu „Ego Death“ ist „Hive Mind“ eine klassische „No-Bullshit“-Platte geworden: Während die Band auf dem Vorgänger ihre Soul-Tracks noch gerne mal in vernebelte Stratosphären abdriften ließen, ist in diesen Songs nahezu alles tanzbar, groovy, präzise – und leider auch, wie es sich für eine Schwarmintelligenz gehört, nicht besonders originell.

Denn es scheint als würden sich The Internet im Verlauf der 13 Songs nicht bloß im Funk verirren, sondern leider auch auf ausgetretenen Pfaden latschen: Speziell im späteren Teil des Albums gehen dem Band-Hybrid ein bisschen die Ideen aus und gleiten in Richtung Mittelmaß ab. So ist „It Get‘s Better“ ein schwacher D‘Angelo-Abklatsch, während „Wanna Be“ nicht viel mehr als schwacher Retro-R&B ist. Und wenn sich der erste Zauber der ekstatischen Vorabsingle „Burbank Funk“ verzieht, ist der Song mit seiner Chic-Gedächtnis-Bassline und seinen aufgesetzt sonnigen Vibes nicht weit entfernt von dem belanglosen Pop-Funk, den Mark Ronson heutzutage zusammen mit Bruno Mars in die Pop-Charts lässt.

Ihre wahre Stärke offenbaren The Internet auf der ersten Hälfte der Platte und in den Midtempo-Balladen: In „Stay The Night“ fleht Syd ihre Liebhaberin über smoothen Future-R&B an, doch bitte die Nacht zu bleiben – und offenbart dabei eine verletzliche Seite. Eine willkommene Abwechslung zu all dem Funk-Swagger. Ähnlich brillant geht es in dem Abschlusssong „Hold On“ zu, der als zarte Nachtmusik beginnt und zum Ende hin mit krachenden Drums und jazzigen Holzbläsern neue Klangdimensionen offenbart. Die Internetsche Schwarmintelligenz funktioniert am Besten, wenn sie ein bisschen neben der Spur arbeitet und sich aus ihrem zwar tighten, aber auch sehr engen Funk-Korsett befreit. Denn wenn sie sich ein bisschen von Pop-Konventionen entfernen, sind The Internet eine der spannendsten Bands dieser Zeit.

Veröffentlichung: 20. Juli 2018
Label: Columbia

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