The Magnetic Fields – „Quickies“ (Rezension)

Bild des Albumcovers „Quickies“ von The Magnetic Fields

The Magnetic Fields – „Quickies“ (Nonesuch)

5,4

Es ist wirklich kein Geheimnis mehr: Hinter den größten Pop-Hit der Welt stecken weniger Menschen, als man denkt. Max Martin schrieb beispielsweise in den letzten 22 Jahren 23 Nummer-1-Songs. Schaut man sich seine Diskografie an, kann einem schnell schwindelig werden: „… Baby One More Time“, „I Want It That Way“, „Since U Been Gone“, „I Kissed A Girl“, „Shake It Off“, „I Can‘t Feel My Face“. Der schwedische Blockbuster-Songwriter versteht es, mit schier übermenschlicher Präzision einen Pop-Song zu formen. Er versteht die Magie und kann sie mit Leichtigkeit reproduzieren. Martin steht für den schmalen Grat zwischen „Künstler“, „Wissenschaftler“ und „Handwerker“.

Liebeslied als Handwerk

Vielleicht gibt es ein Paralleluniversum, in dem Stephin Merritt der Max Martin des Indie-Pops hätte werden können. Ein Pop-Song ist für den Kopf des US-amerikanischen Kollektivs The Magnetic Fields ebenso ein Handwerk, wie sein 1999er Opus Magnum „69 Love Songs“ beweist. Eine drei CDs umspannende Sammlung von Liebesliedern, laut eigener Aussage nicht als Ausdruck von Liebe komponiert. „Beim Songwriting geht es mir nicht darum, etwas auszudrücken“, sagte Merritt später darüber The Independent. Stattdessen schrieb er 69 Liebeslieder über die Oberflächlichkeit von Love-Songs, mit dem emotionalen Abstand eines Analytikers.

Dass dabei einige der schönsten Liebeslieder der letzten Jahre entstanden, erscheint wie eine Anomalie. Merritt beherrscht das Handwerk des Komponierens eines Pop-Songs so gut, dass er gar keine authentische Emotion braucht, um beim Publikum die Glückshormone auszulösen. Unzählige Verliebte schreiben sich Zitate aus „The Book Of Love“, „I Don‘t Want To Get Over You“ oder „All My Little Words“ in ihre Liebesbriefe, obwohl sie aus fast schon zynischer Distanz entstanden.

Distanzierte Ohrwürmer

„Quickies“, das nun erscheinende zwölfte Album von The Magnetic Fields, wirkt auf dem ersten Blick wie ein ähnliches Experiment. 28 Songs, keiner von ihnen länger als zweieinhalb Minuten. Merritt hat das Liebeslied gemeistert, nun wird es komprimiert. Trotz ihrer Kürze kommen die Lieder, wie immer im Wechsel intoniert von Merritt und den Sängerinnen Claudia Gonson und Shirley Simms, als voll realisierte Songs daher. In der Autoharp-Miniatur „Kill A Man A Week“ braucht die Band nur 59 Sekunden, um eine liebliche Melodie direkt im Gehirn zu platzieren. Selbst das 17-sekündige „Death Pact (Let‘s Make A)“ ist ein Ohrwurm. Die Texte sind gewohnt seltsam, stehen der Musik aber nicht im Weg. Auch wenn Simms über die größten Brüste der Welt singt, oder Merritts tiefer Bass sich über das neue Schlagzeug des Nachbarsjungen beschwert, klingt das alles sehr anschmiegsam.

Im Vergleich zu „69 Love Songs“ – oder auch dem ähnlich aufwändigen 2017er Mammutprojekt „50 Song Memoir“ – wird Merritts Distanz auf „Quickies“ zum ersten Mal zu einem echten Problem. In „The Day The Politician Died“ ist sein Augenrollen über die überemotionale Masse förmlich spürbar, obwohl er den Song nicht einmal singt. In „My Stupid Boyfriend“ lassen sich Merritt und Simms im Duett über ihre dummen Partner*innen aus – und man fühlt dabei nichts als Merritts eigene Langeweile über solch menschliche Probleme. „Quickies“ mutet an wie ein Besuch im skandinavischen Möbelhaus: Voll mit vielen, geschmackvoll konstruierten Möbelstücken – bei denen man erst bei genauer Betrachtung merkt, dass sie am Fließband produziert wurden.

Veröffentlichung: 15. Mai 2020
Label: Nonesuch

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Marco Neuhaus
    Mai 20, 2020 Reply

    es ist so typisch, hat was Chambawumba-mässiges…

    LG
    Marco

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