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Was ist Musik Beyond Welcome I Teil 1 (09.10.2016)

ByteFM: Was ist Musik vom 09.10.2016

Ausgabe vom 09.10.2016: Beyond Welcome I Teil 1

Das neue Album von Schwabinggrad Ballett /Arrivati, im Gespräch mit LaToya Manly-Spain und Ted Gaier.

1.Teil: Sonntag, 9.10., 19 Uhr, Wiederholung Mittwoch, 12.10., 8 Uhr
2.Teil: Sonntag, 23.10., 19 Uhr, Wiederholung Mittwoch, 26.10., 8 Uhr

LaToya Manly-Spain: Arrivati ist ein Kollektiv von Emigranten und Refugees, aber die Begriffe wollten wir ändern. Wir sind Leute, die Grenzen überqueren, wir sind Menschen, die überleben. Wir haben verschiedene Dramen des Rassismus überlebt, we fight back, we talk back, we create uncomfortable situations. When one of us goes on stage, he or she will always be identified as representing refugees, Africans or blacks. We cannot just hope to be seen as an individual human being. So we also have to organise to have in our hands what we want to represent.

Ted Gaier: Gegründet haben wir Schwabinggrad Ballett um 2000 herum, weil uns bestimmte ritualisierte Protestformen gelangweilt haben. Wir sind ja nicht grundsätzlich nicht solidarisch mit Protesten gegen Weltwirtschaftsgipfel, Nazis usw. aber wir haben uns mit den Formen gelangweilt und überlegt, wie das auch anders sein könnte und im öffentlichen Raum intervenieren und auch die eigenen Leute sich hinterfragen.

LaToya Manly-Spain: Wir haben so komplizierte Erfahrungen gemacht, dass es schwer ist uns auf einen Titel, eine Bezeichnung festzulegen, zu definieren, das andere Problem ist das der Identität, die wird immer auf dich übertragen und du sollst diese immer repräsentieren. Künstlerisch und politisch ist unser Anliegen, diese Definitionen von Migrant und Refugee zu überwinden.

Ted Gaier: Den Albumtitel „Beyond Welcome“ haben wir gewählt, weil es mit unseren Aktionen zu tun hat, weil wir mit Schwabinggrad Ballett /Arrivati beyond welcome sind. Ist ja auch nicht nur ein positiver Begriff. Das kann auch heißen, das jetzt die Streits erst richtig anfangen (lacht). Dieses „toll, dass ihr hier seid“ ist ja in der deutschen Gesellschaft fast vergessen, wir sind ja auch in der deutschen Gesellschaft beyond welcome, das ist dann eben AFD. Für uns als Gruppe heißt beyond welcome, dass wir uns trotz vieler Streits und Gegensätze in Bezug auf: was ist eurozentristisch, was sind Privilegien, all das Zeug, - auseinandersetzen und dass wir zusammengeblieben sind und in gewisser Weise menschlich uns ernstnehmen, an diesem Ding weiterzuarbeiten. Wir sind auch bisschen genervt von der Rezeption der Platte: ach jetzt haben son paar Hamburger Musiker was gemacht mit Refugees..eigentlich dachten wir, wir sind über diesen Refugee-Status hinaus, weil das ist kein Beruf, Refugee, in einem Text sagt Jeano das auch: das ist keine Profession und nichts, was man anstrebt.

LaToya Manly-Spain: Wir stellen den Begriff „Welcome“ in Frage. Die Situation in den Lagern und die sogenannte Willkommenskultur. Der Aspekt, das Leben in einem Konzentationssytem erträglicher zu machen, das bedeutet Willkommen. In das Lager in der Schnakenburger Allee reinzugehen, da spielen diverse Perspektiven eine Rolle. Wenn du als ehemaliger Flüchting da rein gehst ist das ganz anders als wenn du aus einer moralischen Verpflichtung reingehst. Das ist nicht falsch aber wir wollten andere Perspektiven reinbringen: was heißt Welcome? Und fühlen sich die Leute wirklich „Welcome“. In den Diskussionen zwischen Schwabinggrad Ballett und Arrivati versuchten wir, unsere Ängste zu formulieren, die ansonsten nicht zum Ausdruck kommen in unserer Gesellschaft. Wir glauben an move forward und confront, um weiterzukommen. Das meint beyond welcme. Migration ist nicht neu, was können wir aus der Vergangenheit lernen? Warum sind wir immer noch in diesem Zustand von Welcome? Warum reden wir immer noch von Flüchltingen und Migranten und nicht von Bürgern?

Aus Jungle World Oktober 2016:
Korrekte Kunst
Das Hamburger Schwabinggrad Ballett arbeitet mit den Lampedusa-Aktivisten von Arrivati zusammen. Mit ihrem Album machen sie deutlich: Wir nehmen uns die Erde zurück!

von Roger Behrens

Da beißt die schnöde Pop- und Schmockmaus keinen ästhetischen Faden ab: Musikalisch ist das neue Album von Schwabinggrad Ballett, insbesondere der Hit »Bodies will be back«, mit das Beste, was dieser Tage zu hören ist, und – soviel ist politisch zu konzedieren – dieser Tage auch gehört werden muss.
Das Video zu »Bodies Will Be Back« kursiert auf den üblichen Portalen im Internet. Was es zu sehen gibt, ist nicht nur ein äußerst solider, klug und konsequent gemachter Musikperformance-Kurzfilm, sondern ein Statement, das der alten Forderung nach »Politisierung der Kunst« nachkommt, die Walter Benjamin im Schlusssatz seines Essays »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« gegen die von den Faschisten forcierte »Ästhetisierung der Politik« setzte; das war vor 80 Jahren, 1936.
Benjamins Forderung nach der Politisierung der Kunst war auf der Höhe der Zeit – allein, weil sich in diesen Jahren die Ästhetisierung der Politik derart brutal, nämlich allgemein als Faschisierung der Lebensverhältnisse, durchsetzte. Kunst spielte als radikale Kraft emanzipatorischer Phantasie fortan und tendenziell nur noch eine Nebenrolle, was sich mit der Integration der Avantgarden in den sozial befriedeten Konsumgesellschaften ebenso abzeichnete wie mit der Zerschlagung der Avantgarden im Realsozialismus; mit der Entfaltung der Kulturindustrie wurde überdies die »kritische«, »linke« Kunst zur bloßen Zulieferin profitabler und probater Effekte. Die Hollywood-Filmindustrie war dafür das Modell. Die ästhetischen Produktions- und Reproduktionsmittel, also die Herstellungs- wie Darstellungsmittel der Kunst – Bild, Ton, Schrift, Drama, Tanz etc. – sind seither kontaminiert. Aber nicht unbrauchbar!

Fortsetzung in der Jungle World…

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Playlist

1.  Die Goldenen Zitronen / Ma Place
Who´s bad / Buback
2.  Schwabinggrad Ballett Arrivati / Ma Place
Beyond Welcome / Buback
3.  Schwabinggrad Ballett Arrivati / O Bosso
Beyond Welcome / Buback
4.  The Last Poets / Niggers are scared of Revolution
The Last Poets / Celluloid
5.  Schwabinggrad Ballett Arrivati / Yi´re Yi´re
Beyond Welcome / Buback
6.  Alice Coltrane / Journey In Satchidananda
Journey In Satchidananda / Impulse
7.  Schwabinggrad Ballett Arrivati / Don´t fuck up
Beyond Welcome / Buback
8.  Tabby Cat Kelly / Don´t call us Immigrants
Don´t call us Immigrants / Echo Beach
9.  Schwabinggrad Ballett Arrivati / The car
Beyond Welcome / Buback
10.  Die Goldenen Zitronen / Lied der Stimmungshochhalter
Lenin / Buback