Culk – „Generation Maximum“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Generation Maximum“ von Culk, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Culk – „Generation Maximum“ (Siluh Records)

Es ist schon irgendwie bezeichnend, dass dieses Jahrtausend mit einer Katastrophen-Prophezeiung begann. Als die Kalender vor 23 Jahren von 1999 auf 2000 umschlugen, brach zwar dann doch nicht der Y2K-Crash über uns herein, sondern eine bis heute andauernde (und ziemlich sicher so schnell nicht mehr endende) Aneinanderreihung von anderen den Status quo erschütternden Krisen, von 9/11 und War On Terror über Weltwirtschaftskrise bis zu Corona und Ukraine-Krieg etc. pp. Von der omnipräsenten existenziellen Bedrohung des Klimawandels kaum zu schweigen. Wie kann man inmitten all dieser Untergangsszenarien aufwachsen, ohne den Verstand zu verlieren?

Das ist eine der zentralen Fragen von „Generation Maximum“, dem neuen Album von Culk. Gleich der zweite Song der LP, „2000“, wirft uns zurück zum Anfang des Jahrtausends, zu besagtem Jahreswechsel. Zur Nacht, in der „sich die Welt vermeintlich neu erfand“. Sängerin und Texterin Sophie Löw beschreibt den mit „zweitausend Millionen Lichtern“ erleuchteten Silvesterhimmel – und sieht am Ende nur „zweitausend Millionen Gewichte über uns“. War ihre vorherige Platte „Zerstreuen über Euch“ noch ein Konzeptalbum über die alltägliche Gewalt des Patriarchats, ist das dritte Album der Wiener Post-Punk- und Art-Pop-Band Bestandsaufnahme und Porträt der titelgebenden Generation, über deren Köpfen unzählige Damoklesschwerter zu schweben scheinen.

Aufwachsen unterm Damoklesschwert

Eine Generation, die von den vorigen im Stich gelassen wurde. „Wir sehen, wie Ihr uns seht / Und weitergeht“, ist das abschließende Statement des Titeltracks. „Sind wir gefangen im Glauben an den Untergang“, singt Löw in „Vor mir die Glut“. Zwei Möglichkeiten, um irgendwie klarzukommen, sind digitaler Selbstoptimierungszwang („www“) oder emotionale Abstumpfung („Eisenkleid“). Löws Worte sind, besonders im Vergleich zu ihrem poetischen, letztjährigen Solodebüt als Sophia Blenda, sehr direkt, lassen weniger Raum als gewohnt für Interpretation. Und das ist nichts Schlechtes: In „Eisenkleid“ dringt sie mit gleichzeitig scharfen und sanften Zeilen unter die emotionalen Panzer ihres Publikums. „Jede Rüstung erzählt von Verletzlichkeit.“

Die allgegenwärtige Schwermut von Löws Texten spiegelt sich auch in der Musik. Das Pendel schwingt zwischen nervös flirrendem Post-Punk und in Zeitlupe taumelndem Slowcore. Im Titeltrack erklingen zwar schöne Harmonien, die aber auf einem atonalen Noise-Rock-Fundament aufgebaut wurden. Doch es ist nicht alles finster und hoffnungslos auf diesem Album.

Schließlich ist ein essenzieller Teil von „Generation Maximum“ die Suche nach Hoffnung. Musikalisch äußert die sich in strahlenden Dreampop-Passagen, textlich in wieder sehr direkten und mitreißenden Zeilen: „Wir brauchen eine neue Ode an die Freude / Ein neues Lied über unausgesprochene Träume“, sing Löw in „Ode an die Freude“. „Sie brauchen riesengroße bis zum Rand gefüllte Räume / Wir werden träumen bis wir glauben.“ Der leichte Hang zum Kitsch sei ihnen in diesen Momenten verziehen. Er ist das Licht, das durch dieses dunkle Album strahlt – und einem vielleicht doch noch dabei helfen kann, den Verstand zu behalten.

Veröffentlichung: 17. November 2023
Label: Siluh Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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