Melody’s Echo Chamber – „Bon Voyage“ (Album der Woche)

Melody's Echo Chamber - „Bon Voyage“ (Album der Woche)

Melody’s Echo Chamber – „Bon Voyage“ (Domino)

Eine zwölfsaitige Gitarre und ein trockener E-Bass schrammeln zwei wundervolle Akkorde, ein kleines Kammerorchester hebt die Stimmung, bis eine weit entfernte Stimme einsetzt: „This is the promise from my heart / I can‘t keep falling from so high“. Es sind die ersten Momente von „Bon Voyage“, dem lang erwarteten zweiten Album von Melody‘s Echo Chamber. „Cross My Heart“ eröffnet die Platte mit himmlischem Barock-Pop, bevor sich der Song in etwas ganz anderes verwandelt: Auf einmal ist da ein gescratchter HipHop-Beat, eine sich durch den Äther schlängelnde Querflöte und die Gitarren machen plötzlich Funk. Mit dem Psych-Pop des selbstbenannten Debüts hat das nicht mehr viel zu tun. Herzlich willkommen in der schönen neuen Welt von Melody Prochet.

Um an diesem Punkt anzukommen, musste die französische Künstlerin eine lange Reise hinter sich bringen. 2012 veröffentlichte sie ihr erstes Album, produziert von einem gewissen Kevin Parker, der zur gleichen Zeit mit dem zweiten Tame-Impala-Album „Lonerism“ zum ultimativen Poster-Boy des Retro-Indie-Rocks wurde. Die elf Songs von Prochets Debüt standen tief im psychedelisch funkelnden Schatten von Parker, seine Handschrift war überall klar identifizierbar. Ihr für 2014 geplantes, ebenfalls von Parker produziertes zweites Album fiel ins Wasser – Prochet wollte und musste sich erst mal selbst finden.

Eklektischer Befreiungsschlag

Erst im April 2017 erschien sie mit einer frohen Botschaft wieder auf der Bildfläche: Der Nachfolger „Bon Voyage“ sollte noch im Frühling veröffentlicht werden. Doch dann folgte ein Schicksalsschlag. Nach einem nicht näher spezifizierten Unfall wurden bei Prechot ein Aneurysma und eine Wirbelsäulenverletzung diagnostiziert.

Nun, über ein Jahr nach der ursprünglichen Ankündigung, ist „Bon Voyage“ endlich da. Es ist ein komplexes, vielschichtiges Album geworden – doch trotz all der Schmerzen und Strapazen, die seinen Entstehungsprozess definierten, ist „Bon Voyage“ nicht von trauriger Natur. Wie der eklektische erste Song verspricht, sprudeln die sieben, gemeinsam mit Mitgliedern der schwedischen Band Dungen komponierten Stücke nur so über vor aberwitzigen Ideen und überraschenden 90-Grad-Wendungen.

So wechselt die gutgelaunte Garage-Rock-Single „Breathe In Breathe Out“ mittendrin ins Zeitlupen-Tempo, um kurz darauf in doppelter Geschwindigkeit und mit verzerrten Schreien wieder loszulegen. Das abschließende „Shirim“ pendelt zwischen an Ty Segall erinnerndem Lo-Fi-Rock und tighter Prince-Hommage. All dieser Einfallsreichtum findet in dem konstant mutierenden „Desert Horse“ seinen Höhepunkt, das die manische Energie von Deerhoof mit Prochets unnachahmbarem Melodie-Gespür vereint. Ein Song, in dem auf Autotune-Gesang schwedisches Geschrei und persische Streicher-Harmonien folgen. So frei und unbeschwert hat man Melody Prochet noch nie gehört.

Veröffentlichung: 15. Juni 2018
Label: Domino

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