PJ Harvey – „Dry“ (Album der Woche)

Cover von DryPJ Harvey – „Dry“ (Too Pure)

Während sich das Jahr 2017 dem Ende entgegen neigt und traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, den Blick nach hinten zu richten: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die in 2017 Jubiläum feiern. Dazu gehört auch „Dry“, das Debüt von PJ Harvey:

„Oh my lover, don’t you know it’s alright / You can love her and you can love me at the same time“ – Polly Jean Harvey brauchte nur einen verzerrten Moll-Akkord und eine lasziv progressive Zeile, um sich der Welt mit voller Kraft anzukündigen. Vor 25 Jahren veröffentlichte die britische Künstlerin ihren Erstling „Dry“: Eine staubtrockene Sammlung von elf gnadenlosen Songs, eine auf Platte gepresste Antithese zum zeitgenössischen, zum Stadion-Rock mutierenden Grunge. Mit diesen 40 Minuten zementierte die „50ft. Queenie“ PJ Harvey ihren Status als kompromissloseste Künstlerin der frühen 90er-Jahre.

Auf „Dry“ filterte die am 9. Oktober 1969 in Bridport geborene Musikerin traditionelles 70er-Jahre-Rock-Songwriting durch den wütenden Noise-Rock: Im schweren Blues des Eröffnungsstücks „Oh My Lover“ klingt Harvey wie ein Mischwesen aus Patti Smith und Jesus-Lizard-Frontmann David Yow, während der groovende Cow-Punk von „Oh Stella“ oder „Happy And Bleeding“ den Rockabilly-Punk von The Gun Club mit dem Alternative-Rock der Meat Puppets kombiniert. Und die verwinkelten Gitarren und implodierenden Dynamiken von „Water“ und „Hair“ erinnern an den frühen Post-Rock von Slint – eine Band, bei der sich Harvey einst als Sängerin bewarb.

Gegen Ende des Albums demonstrierte sie jedoch mit „Plants And Rags“ eine musikalische Vielseitigkeit, mit der sie sich von ihren Alternative-Rock-MitstreiterInnen absetzte: Der Song ist eine irrwitzige Folk-Rock-Karikatur, in der Streichinstrumente im dissonanten Einklang mit den E-Gitarren kreischen. Hier bewies sie auch ihre bescheidene Virtuosität: Neben all den Gitarren wurden auch die bedrohlichen Violinen von Harvey persönlich eingespielt.

Doch neben ihrem explosiven Einfluss-Cocktail waren es ihre subversiven Texte, die „Dry“ zu einem Klassiker seines Genres machten: Auf dem Höhepunkt des Albums, dem manischen Country-Punk-Song „Dress“, versetzte sie sich wortwörtlich in die Kleider einer jungen Frau, die an ihrem aufgezwungenen Korsett erstickt. Mit Zeilen wie „Must be a way that I can dress to please him / It’s hard to walk in the dress, it’s not easy“ malte sie mit kräftigen Farben ein Bild von patriarchalischer Doppelmoral, und kombinierte dieses in der nächsten Zeile subtil mit der alttestamentarischen Ur-Sünde: „I’m swinging over like a heavy loaded fruit tree.“

Dies war dabei natürlich nur der Beginn von Harveys musikalischer Reise: Auf ihrem zweiten Album „Rid Of Me“ sollte sie mit Unterstützung des Noise-Paten Steve Albini noch deutlich dreckiger werden, bis sie sich mit „Uh Huh Her“ und „White Chalk“ in elektronische bzw. folkige Gefilde weiterentwickelte. Doch selten wirkt eine Künstlerin oder ein Künstler bereits auf dem Debüt so präsent und fokussiert wie PJ Harvey auf „Dry“: Im Alter von nur 22 Jahren hatte sie bereits mehr gesagt, als andere Menschen in ihrer ganzen Karriere.

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Gregor
    Dez 15, 2017 Reply

    Gibt es eigentlich gar keine Verlosung des Albums des Monats mehr? Das wäre ja schade.

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