The Last Dinner Party – „Prelude To Ecstasy“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Prelude To Ecstasy“ von The Last Dinner Party, das unser ByteFM Album der Woche ist.

The Last Dinner Party – „Prelude To Ecstasy“ (Universal)

„Prelude To Ecstasy“ ist das passend aufgeblasen betitelte, heiß erwartete Debütalbum von The Last Dinner Party. Das britische Quintett gilt als Hype-Band, die große neue Rock-Attraktion aus London. Nun ist die britische Musikpresse traditionell extrem gut darin, den Fahrtwind einer frischen Band zu einer Naturgewalt aufzubauschen. Manchmal ist die Hochschreiberei eines Acts vollkommen unverhältnismäßig zur Musik, aber das ist kein Geheimnis, sondern gehört zum Spiel. Doch im Falle von The Last Dinner Party steckt mehr dahinter als die Freude daran, kollektiv willentlich auf den Hype hereinzufallen. Denn die fünf Musikerinnen sind mit ihrem Sound ziemlich allein auf weiter Flur. Während seit einem halben Jahrzehnt ein minimalistischer Post-Punk-New-Wave-Gedächtnissound das Gitarrenmusikgeschehen dominiert, üben sich The Last Dinner Party in barocker Überblasenheit.

Die ästhetische Formel, die dem Pop so lange gefehlt hat, lautet: Action! Drama! Ornament! Alleine daraus ließe sich schon ein guter, vergnüglicher Hype stricken. Noch cooler wird die Geschichte dadurch, dass wir es mit einem Bombastrock-Album zu tun haben, das nicht von Männern im Rentenalter aufgenommen wurde, sondern von fünf jungen Frauen. Und die haben etwas zu sagen, schütteln wunderbare Melodien aus dem Puffärmel und scheuen nicht vor großen Gesten zurück. Man stelle sich vor, Rufus Wainwright wäre eine Rocksängerin: Das wäre nah dran an unserem Album der Woche.

Fünf Extraschippen Drama

Während des Albums hören wir Bläser, Streicher, exaltierte Lead-Vocals, untermalt von Chören. Und das gern alles zugleich. Aber auch Songstrukturen, die in Zeiten minimaler Aufmerksamkeitsspannen rar geworden sind. So langsam und dramatisch wie so mancher Song auf ihr entfaltet sich auch die LP an sich. Passend zur visuellen Neo-Barock-Ästhetik beginnt das Album mit einer Einleitung, die natürlich nicht „Intro“ heißt, sondern „Prelude“. Und wie es sich für ein gutes Präludium gehört, stellt sich das Album darin höflich vor. Und zwar in aller Form, symphonisch zwischen Dvořák, Strawinsky und Monumentalfilm-Score. Wie 1968 auf dem Debütalbum von Blood, Sweat & Tears umreißt ein Orchester einige Stücke, die folgen werden. Nur dass sich hier kein 60s-Sound anschließt, sondern sehr zeitgemäße Rockmusik.

Der erste richtige Song hört auf den Namen „Burn Alive“, und kaum minder theatralisch ist seine Bildsprache. Da steht weinbefleckte Kleidung für romantisch verklärtes Suchtverhalten und in den Adern der Protagonistin schmilzt Kerzenwachs. Das musikalische Wechselbad in seinen weniger als dreieinhalb Minuten ist ziemlich unerhört. Was als leicht gotischer Shoegaze beginnt, mündet in einen Refrain, der einem New-Wave-Album entliehen sein könnte, das Kate Bush leider nie mit Abba aufgenommen hat. Für die zweite Strophe kommt ein Stakkato hinzu, das ein Stimmsample sein könnte, vielleicht auch ein Streichinstrument und/oder ein Synth-Sound. Eine kurze Verneigung vor Laurie Andersons „O Superman“ vermutlich. Doch im letzten Refrain, für den die Band nicht nur eine Schippe drauflegt, sondern mindestens fünf, erinnert die Stakkatofigur eher an die Duschszene aus „Psycho“.

Zorn und Selbstakzeptanz

So beeindruckend und toll „Burn Alive“ sein mag, ist das Stück noch nicht einmal einer der großen Hits des Albums. Den ersten Klopper aus dieser Kategorie gibt es im Anschluss mit „Caesar On A TV Screen“. Doch natürlich ist die Songstruktur auch hier alles andere als gewöhnlich. Denn zwischen die an Electric Light Orchestra erinnernden Refrains wechseln mehrfach Tempo und Taktart, Gefühlslage und Lautstärke. Von „weiblichem Zorn“ handele der folgende Song „The Feminine Urge“, erklärte Sängerin Abigail Morris einmal. Verpackt ist das Ganze in ein relativ konventionelles, aber wunderbar eingängiges, an exaltiertere Suede gemahnendes Rocksong-Kleid. Zwei Songs später greift Morris das Thema der geschlechtsbedingten Ungleichbehandlung im operettenhaften, aber balladesken „Beautiful Boy“ erneut auf.

Ein weiteres thematisches Doppel bilden „Sinner“ und „My Lady Of Mercy“. Sowohl Morris als auch Gitarristin Lizzie Mayland wuchsen in katholischen Umfeldern auf und mussten ihre religiösen Schuldgefühle überwinden, um schließlich den Umstand zu umarmen, dass sie nun einmal auf Frauen stehen. Beide Songs gehören zu den Highlights auf „Prelude To Ecstasy“. Während Morris in „My Lady Of Mercy“ Britpop- und Stoner-Rock-Einflüsse zu einer Prog-Rock-Minioper aufbläst, fährt Maylands Nummer das komplette überdrehte Sparks-Menü auf. Kurz vor Albumende platziert die Band den Debütsingle-Überhit, mit dem 2023 alles anfing. Als Abbild ungewohnt ungetrübter Euphorie überdauerte „Nothing Matters“ Morris‘ Beziehung mit ihrem damaligen Freund. Sein Refrain ist so explizit, wie man es eher aus dem HipHop kennt: „And you can hold me / Like he held her / And I will fuck you / Like nothing matters.“ Und so hymnisch, dass er sich im kollektiven Gedächtnis festsetzen wird.

Veröffentlichung: 2. Februar 2024
Label: Universal

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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