
U.S. Girls – „Scratch It“ (4AD)
„Scratch It“, der Name des neunten Studioalbums von U.S. Girls, ist ein klassisches Beispiel für den beißenden Humor von Meg Remy (eine Künstlerin, die einst Warren Gs und Nate Doggs Carjacking-G-Funk-Banger „Regulate“ in eine feministische Art-Pop-Hymne verwandelte). Sie und ihre Mitmusiker*innen hatten im Studio sehr viel Spaß am Freikratzen von Rubbellosen. Für die Kanadierin eine perfekte Metapher für das Musikbusiness, das eben keine Meritokratie ist – sondern pures Glücksspiel. Überaus talentierte Musiker*innen gibt es schließlich wie Sand am Meer, doch nur die wenigsten erhalten die Chance, von ihrer Kunst leben zu können. Nicht dank ihres Könnens, sondern nur durch die richtigen Connections und den richtigen Song im richtigen Moment, kurzum: purer Zufall.
Das weiß auch Remy. Ihre ersten LPs waren schwer vermarktbarer, verzerrter Lo-Fi-Pop. Dass sie heute eine weltweit gefeierte Künstlerin ist, hat sie zum großen Teil einer Zufallsbegegnung mit dem Label 4AD zu verdanken, dessen Ressourcen ihr 2015 mit ihrem Album „Half Free“ zum Durchbruch verhalfen. Ihre Karriere ist, wie die aller erfolgreichen Künstler*innen, das Ergebnis von purem Glücksspiel.
Roots-Rock statt Synth-Pop
Aber es gibt auch noch eine andere Interpretation des Titels, die sehr gut zu dieser neuen Platte passt. Er lässt sich auch als ein nachdrückliches Durchstreichen übersetzen, ein Verwerfen von vorigen Ideen. Und siehe da: „Scratch It“ ist musikalisch ein kompletter Neuanfang im Hause U.S. Girls. War der Vorgänger „Bless This Mess“ noch eine klare 80er-Jahre-Pop-Pastiche, reist sie hier noch mal mindestens zehn Jahre weiter in die Vergangenheit: Statt glitzernder Synthesizer hören wir Mundharmonika-Soli, Proto-Punk-Gitarren und ratternde Hammond-Orgeln, eingefangen von warm knisternden Tonbändern. Im Vergleich zu den sehr ausarrangierten vorigen LPs wurde dieser Sound live im Studio eingespielt, mitten im Herzen von Tennessee, einem der Zentren der US-amerikanischen Roots-Musik. Auch diese Entscheidung ist wieder einem Zufall geschuldet: Nach einem Festivalkonzert traf Remy in einer Hotel-Bar auf den Gitarristen Dillon Watson – kurze Zeit später nahm sie mit ihm und weiteren lokalen Studiomusiker*innen in seiner Heimat Nashville ein Album auf.
Dieser traditionsreiche Sound harmoniert sehr gut mit einem weiteren Thema des Albums: Auf „Scratch It“ zollt Remy einigen ihrer größten Held*innen Tribut. Gleich der erste Satz ist ein James-Brown-Zitat: „James said, ‚You gotta dance til you feel better‘“. Remy singt diese Worte aber nicht über harten Funk, sondern über fast schon schunkelnden Roots-Rock, mit windschiefem Hohner Clavinet und dichten Akustikgitarren. „If you wanna know how I feel / You gotta wait for my biography“, singt sie mit Brown’schem Selbstbewusstsein – und ihr Schlagzeuger schmeißt einen Funky-Drummer-Break ein.
Den Himmel freikratzen
Die nächste Ehrerbietung folgt direkt im Anschluss mit „Dear Patti“, einer herzzerreißenden Stax-Soul-Ballade – aber nicht über Liebesschmerz, sondern etwas ganz anderes: ein verpasstes Konzert ihrer Heldin Patti Smith. Auch die Songs, die keine direkten Reverenzen an vorige Legenden enthalten, sind mit klanglichen Zitaten gespickt: der rhythmische Minimalismus der Barfly-Ballade „Emptying The Jimador“ erinnert stark an The Velvet Underground, während das mit durchgetretenem Wah-Wah-Pedal gegniedelte Gitarren-Solo in „No Fruit“ direkt aus der The-Stooges-Schule stammt.
Und dann ist da noch „Bookends“, das zwölf Minuten schwere Herzstück von „Scratch It“ – eine explizite Ehrung von Remys gutem Freund Riley Gale, dem Sänger der US-Thrash-Metal-Band Power Trip, der im August 2020 im Alter von nur 34 Jahren starb. Remy widmet ihm den stärksten Song des Albums: „Riley was always going on about the cross and breakin‘ it / Taking acre and the pain reliever within“, singt sie über ein sich genüsslich ausdehnendes Gospel-Soul-Instrumental. Das nach der Hälfte stehenbleibt, lange Atem holt – und sich in ein dreckiges, furioses Stück Disco-Funk verwandelt. Remys Kunst ist immer euphorisch, doch hier erreicht sie einen neuen Höhepunkt. „Gotta speak at the end of my breath / ‚cause I’m still wondering where Riley went“, schreit sie mit sich überschlagender Stimme, während die Chickenscratch-Gitarre den Himmel freikratzt.
Veröffentlichung: 20. Juni 2025
Label: 4AD
