Patti Smith – „Horses“ (Album der Woche)

Von ByteFM Redaktion, 22. Dezember 2025

Cover

Patti Smith – „Horses“ (Arista)

Da zum Jahreswechsel traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, den Blick in die Vergangenheit zu richten: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2025 ein Jubiläum gefeiert haben. In dieser Woche ist es „Horses“ von Patti Smith, das in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden ist.

Wir schreiben das Jahr 1958 und die elfjährige Patti Smith wird vor eine alles entscheidende Wahl gestellt: die Liebe von Jesus Christus oder die Kunst. Die junge US-Amerikanerin wuchs als Zeugin Jehovas auf, fühlte sich aber schon früh zu Musik, Malerei und Lyrik hingezogen. Ihre Mutter erzog sie sehr religiös, doch ihr Vater brachte sie in Kontakt mit Pablo Picasso und Marcel Duchamp, wie sie später in einem Interview erzählte. Sie wollte auch eine Künstlerin werden – doch für ihre Kirche war das damals ein ketzerisches Vorhaben. Die Wahl war hart, aber unausweichlich: „Jesus died for somebodys sins, but not mine“, sang sie 17 Jahre später als erste Zeile auf ihrem Debütalbum „Horses“. Patti Smith entschied sich für die Kunst.

Mit diesem Anti-Gospel von „Gloria: In Excelsis Deo“ beginnt eines der aufwühlendsten Alben der US-Gegenkultur. Smith hatte sich erst als Dichterin versucht, fühlte sich aber von den Limitierungen der Kunstform eingeschränkt. Es fehlte Lärm, der die explosiven Worte noch fühlbarer machen konnte. Die Art von Katharsis, die Musiker wie Jimi Hendrix oder MC5 erzeugen konnten. Diese Energie in Kombination mit ihrer Poesie, die wäre unaufhaltsam. In ihrer Autobiografie „Just Kids“ erinnert Smith sich an das „Bewerbungsgespräch“, das sie mit ihrem Gitarristen Lenny Kaye führte: „Du spielst doch Gitarre, oder?“ „Ja, ich spiele Gitarre“. „Kannst Du einen Autounfall mit deiner Gitarre spielen?“ „Ja, das kann ich“, erwiderte Kaye.

Apokalyptische Beat Poetry

Solche akustischen Autounfälle gibt es auf „Horses“ zuhauf. Smith und ihr Produzent – Velvet-Underground-Gründungsmitglied John Cale – stritten sich um den Sound der LP. Cale arbeitete perfektionistisch und präzise, während Smith das freie Chaos ihrer ersten Live-Konzerte bewahren wollte. Smith setzte sich durch: Im Finale des neunminütigen „Birdland“ schreit Kayes verzerrte Wah-Wah-Gitarre um ihr Leben, wie in einem Free-Jazz-Solo von John Coltrane. Im epischen Triptychon „Land“ spielt er größtenteils nur einen einzelnen Ton, immer hektischer und kaputter. „Punk“ war 1975 noch ein sehr junges Konzept, doch Smith und ihre Band legten auf der Bühne des CBGBs und hier auf diesem Album ziemlich entscheidende Grundsteine. Auch die ruhigen Momente des Albums sind von einer düsteren Nervosität und einer improvisativen Spontaneität durchzogen. Die teilweise sehr langen Songs sind unvorhersehbare, wandelbare Biester, die selten so enden, wie sie begannen.

Doch egal, wie laut ihre Band auf „Horses“ schrammelt – Patti Smith ist stets lauter. Ihre apokalyptische Beat Poetry klang nie dichter und komplexer als auf diesem ersten Album. Jeder Song quillt über vor seltsamen Details. Die „White shining silver studs with their nose in flames“, die den armen hysterischen Protagonisten von „Land“ plötzlich umzingeln. Die ekstatische Freude eines Kindes, das in „Birdland“ einen geisterhaften Besuch seines verstorbenen Vaters bekommt: „The little boy’s face lit up with such naked joy / That the sun burned around his lids and his eyes were like two suns / White lids, white opals, seeing everything just a little bit too clearly.“

Ein Vorbild für unbequeme Kunst

Anderswo arbeitet sie präzise, ohne Silben zu verschwenden. Sie braucht nur die Worte „sweet suicide“, um die sonnige Atmosphäre des Reggae-Grooves von „Redondo Beach“ zu vergiften (und den entwaffnend schlichten Satz „The girl that had died, it was you“). Hat überhaupt irgendjemand das existenzialistische Ringen um das ewige Problem „Geld“ jemals so gut heruntergebrochen wie sie in „Free Money“? „Scoop the pearls up from the sea / Cash them in and buy you all the things you need“? „It would mean so much to me / To buy you all the things you need for free.“

Für Patti Smith war „Horses“ nur der Anfang einer bis heute andauernden, beispiellosen Karriere. Für den Rest des Pop-Untergrunds war es der Beginn einer Gezeitenwende. Kurze Zeit später brach die Punk-Welle richtig los – und gerade Musikerinnen wie The Slits und The Raincoats fanden in ihr ein Vorbild für ihre eigene unbequeme Kunst. In einer Künstlerin, die schon im Alter von elf Jahren wusste, wie wichtig es ist, für den eigenen Weg einzustehen. Wie singt sie so schön in „Gloria …“? „People said beware, but I don’t care / Their words are just rules and regulations to me.“

Veröffentlichung: 10. November 1975
Label: Arista

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

Das könnte Dich auch interessieren:

  • JuJu Rogers – „Pink Guitars, Space Ships N Voodoo Dolls“ (Album der Woche)
    Hektischer HipHop, sumpfiger Funk, fuzzy Psych-Rock: Mit „Pink Guitars, Space Ships N Voodoo Dolls“ präsentiert der US-amerikanisch-deutsche Rapper JuJu Rogers Afrophunk – seine Vision einer neuen afro-revolutionären Musik. Das ByteFM Album der Woche!...
  • Aldous Harding – „Train On The Island“ (Album der Woche)
    „Train On The Island“ mag wie das bislang konventionellste Album von Aldous Harding anmuten, doch wer ganz genau hinhört, kann sie entdecken: die immer noch betörende Weirdness der neuseeländischen Folk-Musikerin. Unser ByteFM Album der Woche!...
  • ByteFM Themenwoche: 50 Jahre Punk
    Hey, ho, let's go: Am 23. April jährt sich die Veröffentlichung des Ramones-Debütalbums zum 50. Mal und damit auch die (ungefähre) Geburtsstunde des Punk. Das feiern wir bei ByteFM eine Woche lang mit vielen Sondersendungen zum Thema!...


Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert