Phantom Ghost – "Pardon My English"

Phantom Ghost - Pardon My EnglishVÖ: 15.06.2012
Web: Phantom Ghost auf Myspace
Label: Dial

Früher war Musik noch fröhlich, leichtfüßig und befreiend. So war zum Beispiel die Musik der 60er Jahre nach einer Studie der Freien Universität Berlin zu 85 % in einer Dur-Tonart komponiert — man erinnere nur an die Songs der Beatles — und damit bezeichnend für das Lebensgefühl dieser Zeit. Die jüngere Popgeschichte überzeugt hingegen eher durch Moll-Tonarten; darin lässt sich der heitere Dur-Klang nur noch zu gut 40 % vorfinden. Leben wir in einer so düsteren Zeit? Haben wir die Nase voll von Gute-Laune-Pop? Oder wollen wir mehr mit Befindlichkeiten konfrontiert werden?

Das Projekt Phantom Ghost von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow und Pianist sowie Stella-, Superpunk- oder Das Bierbeben-Mitglied Thies Mynther vereinen schwermütige Klavierkompositionen in Moll mit der beschwingten Leichtigkeit, wie sie in französischen Chansons zu erleben ist. Diese Formation hat bisher schon das ein oder andere Experiment gewagt und ist musikalisch schwer berechenbar: Angefangen als elektronisch-experimentelles Künstler-Duo mit dem Hang zum Literarischen sowie Grotesk-Versponnenen und Melancholischen, wurde mit ihrem dritten Album „Three“ der akustische Anteil ausgebaut. Dazu wurde die Atmosphäre etwas mysteriöser und auf der vierten Platte „Thrown Out Of Drama School“ die Stimmung dann doch wieder etwas heiterer.

Das aktuelle fünfte Werk der beiden Hamburger, namens „Pardon My English“, gibt sich in bedächtig, melancholischen Klaviermelodien, ummantelt mit gewohnt geschwollenen Gesangspartien, die sich selbst recht wenig ernst nehmen und ergänzt werden durch ein zweites Piano, Cello, Glöckchen oder Synthesizer. Es trifft Pop auf Klassik, Folk auf Operette, Swing auf Avantgarde und John Cage trifft auf Rainald Grebe (in einer englischen Ausführung). Der raumfüllende Gesang, hochtrabend vorgetragen begleitet von tragenden Klaviermelodien, klingt nach einem Theaterstück mit besonderem Intellekt.

Der Vorhang geht auf: Ein Mann am Piano spielt mit konzentrierter und den Tönen verfallener Mimik sowie Gestik, das Mikrofon wird von einer zweiten Person im schwarzen Anzug besetzt und wir erwarten einen intellektuellen Höhenflug. Doch sehr schnell — spätesten bei Textzeilen, wie „Do You Feel Useless And Devoid? / Visit Dr. Schaden Freud / I’d Advise A Discreet Tryst / With My Favourite Therapist“ — wird klar: Irgendetwas stimmt hier nicht.

Man wird es den beiden das ganze Album hinweg nicht anmerken. Sie ziehen das Ding durch, mit einer Haltung, die durchgehend überzeugt. Wir sollen ihnen verfallen, um dann zu bemerken, dass alles nur ein grandioser Trick ist. Unterstützung bekommen Phantom Ghost von Boram Lie am Cello, der sonst bei Brandt Brauer Frick anzutreffen ist, und die Sängerin Michaela Meise. Zusammen bieten sie eine Vorstellung, die kaum zu übertreffen ist. Die herausragende Leistung liegt jedoch im Klavierspiel, dem ungewöhnlichen Gesang und den raffinierten Texten über Burnout oder dem Druck der Leute, sich selbst zu vermarkten – alles verpackt in genialen Geschichten.

Phantom Ghost widersetzen sich dem Befindlichkeits-Trend der aktuellen Popmusik. Sie greifen zurück auf die musikalische Avantgarde, auf den Stil und der musikalischen Exzentrik von Broadway-Musicals der 20er bis 50er Jahre und mischen ihn mit eigensinnigen Texten, referiert in einem erkennbar deutsch akzentuiertem Englisch und teils Synthesizer-Beats. Damit beweisen sie, dass auch Moll-Akkorde durchaus ihren Reiz haben können, ohne in Stimmungsblasen zu versinken. „Pardon My English“ ist musikalisches Slapstick-Theater, welches den Hörer mitnimmt, ohne sich in eine Gefühlswelt zu verstricken. Lassen wir uns einmal auf die Platte ein, kann sie unterhalten, erquicken oder auch verstören, jedoch wird uns dieses Werk in besonderer Erinnerung bleiben. Selbst meine Oma wippt zu den Songs von Phantom Ghost, auch wenn sie den Witz wohl nicht ganz versteht. Doch allein dieser Fakt will schon etwas bedeuten. Dieses Album vereint Generationen — jedoch hört und versteht es jeder auf seine eigene Art und Weise.

Das ByteFM Album der Woche.

Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Phantom/Ghost“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

Label: Dial | Kaufen

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