Roskilde Festival: Samstag

©Jacob Dinesen
©Jacob Dinesen/Roskilde Festival

Kennt eigentlich (noch) jemand die Band The Ex? Für einige (jüngere) Menschen im ByteFM-Team war die 1978 gegründete niederländische Punkband bislang ein schwarzer Fleck auf der popmusikalischen Landkarte. Dennoch: Trotz einer Vielzahl an Line-Up-Wechseln mäanderte die Band in den letzten 30 Jahren langsam aber beständig durch verschiedene musikalische Klimazonen und ließ sich zuletzt besonders von afrikanischen Rhythmen beinflussen.

Am Roskilde-Samstag wird das Programm der kleinsten Bühne, dem Pavilion, für einige Stunden von The Ex kuratiert. Der Tag beginnt mit Arnold de Boer alias ZEA, seit gut zwei Jahren neuer Sänger von The Ex.

Er sei kein Bauer, wie sein Nachname vermuten ließe, sagt er und spielt ein unglaublich beeindruckendes humoristisch-puristisches Lo-Fi-Konzert, singt über das Jucken am Körper „that you can’t reach, that you can’t cure“ und sowieso: ZEA zelebriert hüpfend seinen Auftritt, für den er nicht mehr als Drumcomputer, Gitarre und Effekte benötigt. Eines der besten Konzerte des Festivals gleich am Mittag!

Während der Schwede The Tallest Man On Earth die überfüllte Odeon-Stage bespielt, betreten einige Minuten später eine Reihe von Musikern auf die unweit entfernte Cosmopol-Bühne, die unter dem Namen Odd Future Wolf Gang Kill Them All firmieren. Dieser Rap-Gruppe, rund um Tyler, The Creator, wurde in den letzten Wochen und Monaten einiges an Aufmerksamkeit entgegengebracht. Zurecht? Ein kurzer Blick reichte aus, um zu erkennen, dass zumindest dieser Hype überspannt ist.

Zurück zum Pavilion, die von The Ex kuratierte Bühne, um den vor allem von Patrick Ziegelmüller gelobten DJ/rupture aus New York zu sehen. Nach einem kruden Ritt durch Dubstep, südamerikanische Rhythmen, Adele-Samples und einem anschließenden Smalltalk über Radio und Festival-Essen ist klar: DJ/rupture ist nah dran den Code der Popmusik zu entschlüsseln!

Das Essen: Kein Festival ohne Essen. Kein Festival ohne Fast-Food, natürlich. Aber die Dänen haben den deutschen Festivalmachern einige Dinge voraus. Beispielsweise ist ein großer Teil des Essens „økologisk“, die „food-stalls“ sind keine kleinen Bratwurstbuden, sondern große Zelten in denen gut organisierte Menschen arbeiten, jeder Stand hat mindestens ein vegetarisches Gericht auf der Karte.

Back to music: Nachdem sich der in L.A. lebende Gonjasufi-Produzent „the mother fucking“ Gaslamp Killer nicht zu schade war neben Queen, Jimi Hendrix, Jai Paul auch „House Of The Rising Sun“ von The Animals in ein eindrucksvolles Breakbeat-Bass-Konstrukt zu pressen und u.a. kabellos auf einem iPad Soundschnipsel abspielte, betrat eine Stunde später ein von vielen sehnsüchtig erwarteter Künstler auf die Bühne. Sein Name: James Blake. Man muss nicht lange darum herumreden, Blakes Liveset, das in den ersten 20 Minuten noch langatmig vor sich hin trudelte, wurde mit dem Fortschreiten der Zeit eine wilde Fahrt auf der Bass-Autobahn, flankiert von effektverhalltem Gesang und einer Snare-Drum, verdammt, diese Snare-Drum! Und dann war da dieser Roskilde-Moment: Während Blake das von seinem Vater geschriebene „The Wilhelm Scream“ als Zugabe spielt, öffnen prophetische Gewitterwolken ihre Bäuche und begießen nicht nur die zum Glück als Zelt angelegte Cosmopol-Stage mit Regen, sondern das gesamte Festivalgelände. Das Heruntertropfen des Regens auf den Kiesboden während Blakes Auftritt: Ein Rauschen, das lange im Kopf hängen bleibt.

Ob des Regens muss die französische Band (die aus der Ferne übrigens ausgesprochen gut klingt) Yelle links liegen gelassen werden. Leider. Auch die Minnesota-Band Dark Dark Dark spielt im überdachten Gloria ohne uns, denn die Location ist beliebt und voll, es regnet in Strömen. Im Pressebereich gibt es glücklicherweise kostenlosen Kaffee, der eifrig getrunken wird.
Der Regen dreht nach etwa einer Stunde ab und wen sehen wir da? The Strokes, die in ihrer langen Karriere schon vor Millionen verschiedenen Menschen spielten, wirken auf der großen Orange Stage, an der wir uns verdächtig wenig aufhalten, lieblos und „too cool“, so dass wir zu dem Schluss kommen: „Die Band löst sich bald auf“.

Zum ersten Mal an diesem Tage führt der Weg zur Odeon-Bühne, die in der „Sustainable Zone“ liegt und daher durch geschickte Technik 70% weniger Strom verbraucht als vergleichbare Bühnen. Auch hier zeigt sich der Pioniergeist der Roskilde-Organisatoren. Auf dem Programm: Congotronics vs. Rockers. Für dieses Konzert finden sich die beiden „congotronic“-Bands Konono N°1 und Kasai Allstars mit den „rockers“ Deerhoof, Juana Molina, Wildbirds & Peacedrums und Skeletons zusammen. 19 Musiker, die vor relativ wenig Zuschauern ein beeindruckendes Konzert spielen. Afrikanische- und Rockmusik können an diesem Abend nicht näher beieinander liegen.

Den Stadion-Tech-House von Deadmau5 wenig Beachtung schenkend geht es um mittlerweile halb 2 in der Nacht zur Schwedin Lykke LiKompakt-Acts!!!“ Walls und verabschieden uns bei fast schon aufgehender Sonne in die Zelte.

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