Elvis Costello in sechs Songs

Elvis Costello

Elvis Costello auf dem Cover seines Albums „This Years Model“

Angry Young Man. Meister des vergifteten Blumenstraußes. Post-Punk-Pionier. Country-Connaisseur. Pop-Dekonstrukteur. Den musikalischen Werdegang von Elvis Costello auf wenige Worte herunterzubrechen, ist schwer bis unmöglich. Der britische Songwriter, Sänger, Produzent und Gitarrist erfand sich im Verlauf seiner über 40 Jahre umspannenden Karriere so oft neu, schlug so viele unvorhersehbare Haken, dass der Mensch hinter der übergroßen Buddy-Holly-Gedächtnisbrille schwer zu fassen scheint. Was alle seine Genre-Experimente und Obskuritäten eint: auf Details fixierte Lyrik, bitterböser Humor und furchtlose Spielfreude.

Costello wurde am 25. August 1954 als Declan Patrick MacManus in London geboren. Anlässlich seines 65. Geburtstages haben wir Elvis Costello in sechs Songs porträtiert.

„Watching The Detectives“

Costello war erst 23 Jahre alt, als er sein Debütalbum „My Aim Is True“ veröffentlichte. Seine Texte waren von Anfang an „on point“: „Watching The Detectives“ (das zwar zuerst als eigenständige Single erschien, später jedoch als Teil von „My Aim Is True“ verkauft wurde) lässt die Grenzen zwischen fiktionaler Gewalt im Fernsehen und sehr realem Mord verschwimmen. Seine Band spielt einen Reggae-Beat, der genauso hinterlistig wie die titelgebenden Detektive durch die Gassen schleicht.

„Lipstick Vogue“

The Attractions, die Begleitmusiker, die Costello für sein zweites Album „This Years Model“ versammelte, waren und sind eine der großen Backup-Bands der Rockgeschichte. Ähnlich wie The Wrecking Crew, Crazy Horse oder The Wailers hatten Bassist Bruce Thomas, Keyboarder Steve Nieve und Schlagzeuger Pete Thomas das Talent, die Songs ihrer perfektionistischen Anführer in höhere Stratosphären zu tragen. Ihr Zusammenspiel macht aus „This Years Model“ eine nervöse Tour de Force. In „Lipstick Vogue“ presst Costello einige seiner bittersten Textzeilen zwischen seinen Zähnen hervor („Sometimes I think that love is just a tumour / You’ve got to cut it out“) – und seine Band antwortet mit genauso stürmischem wie virtuosem Punk. Der Bass rast in schwindelerregendem Tempo, die Orgel flirrt bedrohlich und das Schlagzeug peitscht unnachgiebig.

„Oliver‘s Army“

„Oliver‘s Army“, erschienen auf Costellos drittem Album „Armed Forces“, ist einer dieser eingangs erwähnten vergifteten Blumensträuße. Die Melodie ist klebriger Pop, laut eigener Aussage inspiriert von Abbas „Dancing Queen“. Doch im Text lässt Costello Bomben platzen: Es ist ein spitzes Portrait des Nordirlandkonflikts, in dem es keine GewinnerInnen und schon gar nichts zu lachen gibt. „It‘s no laughing party / When you’ve been on the murder mile“, singt er über kitischiges Pianogeklimper. Bis dato ist es Costellos erfolgreichster Song.

„Almost Blue“

Nach den sehr in der Gegenwart verwurzelten ersten drei LPs begann Costello immer mehr, seinen Blick in die Vergangenheit schweifen zu lassen. Sein viertes Album „Get Happy!“ war eine Motown-Soul-Exkursion, der Nachfolger eine Cover-Sammlung von Country-Klassikern. Doch nur Tribut zu zollen, war ihm meist nicht genug. „Almost Blue“, erschienen auf dem 1982 veröffentlichten Album „Imperial Bedroom“, ist mehr als nur eine Widmung an den Jazz-Trompeter und -Sänger Chet Baker – es ist eine Warnung an eine verklärte Romantisierung der Vergangenheit. Sein Protagonist kommt nicht darum, seine neue Liebe mit der Vergangenen zu vergleichen – und verliert dabei die Gegenwart aus den Augen. „There’s a girl here and she’s almost you / All the things that your eyes once promised / I see in hers too.“

„American Without Tears“

Zur Hälfte der 80er-Jahre begannen interne Anspannungen, Elvis Costello und The Attractions auseinanderzutreiben – bis sie sich 1987 auflösten. Sein zehntes Album entstand fast ohne ihre Beteiligung, stattdessen rekrutierte Produzent T-Bone Burnett eine Sammlung von alteingesessenen US-amerikanischen Studiolegenden – unter ihnen James Burton und Jerry Scheff, zwei langjährige musikalische Wegbegleiter von Elvis Presley. Dass Costello dann auch noch diese Platte „King Of America“ nannte, mag ein Seitenhieb auf dem King Of Rock ‘n‘ Roll gewesen sein. Musikalisch orientiert sich die LP jedenfalls am US-amerikanischen Country-Sound, dessen unschuldige Schunkelei im Kontrast zu Costellos scharfzüngigen Texten steht. In „American Without Tears“ singt er über irische ImmigrantInnen, die sich in ihrer neuen Heimat verlieren: „Now it seems we’ve been crying for years and for years / Now I don’t speak any English, just American without tears.“

„13 Steps Lead Down“

Nach zwei erfolgreichen Soloplatten, dem Neoklassik-Experiment „The Juliet Letters“ und einem Serien-Soundtrack kehrte Costello 1994 mit dem Album „Brutal Youth“ zu seinen Post-Punk-Wurzeln zurück – und raufte sogar wieder einen Großteil von The Attractions zusammen. Es ist eine LP, auf der er ohne große Verzierungen und Frickeleien das macht, was er am besten kann: fantastische, clevere Pop-Songs schreiben. „13 Steps Lead Down“ ist Power-Pop-Perfektion, in die Costello jede Menge Bitterkeit versteckt hat: „So tonight I’m drinking to your health / Because I just can’t stand myself“.

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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