Madvillain – „Madvillainy“ (Rezension)

Cover von Madvillain – „Madvillainy“

Madvillain – „Madvillainy“ (Stones Throw Records)

Die Geschichte des Daniel Dumile liest sich wie die eines Comic-Bösewichts. Zumindest erzählt er sie so. Ende der 80er-Jahre gründete der junge Rapper, der damals unter dem Namen Zev Love X auftrat, mit seinem Bruder DJ Subroc die HipHop-Gruppe KMD. Die Zeichen standen gut für die New Yorker Crew: Ihr Debüt „The Cactus Album“ erschien direkt auf dem einflussreichen Major-Label Elektra Records. Doch kurz vor der Veröffentlichung des Nachfolgers wurde DJ Subroc von einem Auto überfahren. Wenige Wochen nach seinem Tod ließ Elektra KMD bedingungslos fallen. Das zweite Album erblickte nie das Licht der Welt. Dumile, dessen Nachname ähnlich wie das englische Wort „Doom“ ausgesprochen wird, zog sich für vier Jahre aus dem HipHop-Business zurück. Er plante seine Rache.

Als Dumile zum Ende des Jahrzehnts wieder auf Open-Mics auftrat, trug er eine Maske. Nicht etwa, um eine unanschauliche Deformierung zu verbergen. Sondern um einen Mythos zu kreieren. 1999 veröffentlichte er „Operation Doomsday“, sein erstes Album unter einem neuen Namen: MF Doom. Sein tiefer Flow, seine virtuosen Wortspiele, seine seltsamen Beats und seine mysteriöse Aura machten die LP zu einem Kult-Hit. Die beiden nachfolgenden Platten „Take Me To Your Leader“ und „Vaudevillain Villain“ erschienen unter anderen Künstlernamen (King Geedorah und Viktor Vaughn), doch seine Handschrift war sofort erkennbar. Schließlich hatte er auch lange an ihr in der Dunkelheit gearbeitet.

Doch selbst der mächtigste Bösewicht ist alleine nur halb so stark wie zu zweit. In Otis Jackson Jr. fand Doom seinen perfekten Konterpart. Der kalifornische DJ und Produzent hatte sich im Verlauf der 90er-Jahre als Madlib einen Namen als Beat-Zauberer höchster Klasse erarbeitet, der mit kindlicher Neugier und spielerischer Leichtigkeit obskurste Plattenkisten-Entdeckungen in messerscharfe Instrumentals verwandeln konnte. Anfang der 00er-Jahre trafen die beiden aufeinander – und brüteten einen Meilenstein des Alternative-HipHop aus. Gemeinsam wurden sie zu Madvillain. Ihr erstes Album „Madvillainy“ wird am 15. März 2019 15 Jahre alt.

Die Rache des Daniel Dumile

Im Verlauf der 22 Tracks von „Madvillainy“ gibt es so gut wie keine Hooks. Stattdessen reihen MF Doom und Madlib eine atemberaubende Strophe und einen Raum und Zeit dehnenden Beat an den nächsten. Wie perfekt synchronisierte Athleten schmeißen beide Künstler sich die Bälle zu. „Living on borrowed time the clock ticks faster“, rappt Doom im zweiten Track über einen seltsamen Akkordion-Loop, der sich in genau so hirnverknotenden Schleifen dreht wie sein Text.

Egal ob er über die Relativitätstheorie oder ein bizarres Zusammentreffen mit einer Prostituierten beschreibt – MF Doom spickt seine Stream-Of-Consciousness-Zeilen mit einer schwindelerregenden Menge an End-, Binnen-, Pausenreimen und Alliterationen. „Digits double dipped, bubble lipped, subtle lisp midget“ ist nur einer von unzähligen Zungenbrechern, die einem auf diesem Album den Atem rauben.

Mindestens genauso virtuos wie Dooms Wortakrobathik sind die dicht gewebten Klangteppiche, die Madlib hier fliegen lässt. Seine Instrumentals kennen keine stilistischen oder geografischen Grenzen. In „Shadow Of Tomorrow“ lässt er Sun Ra einen esotherischen Monolog über ein Sample des Bollywood-Komponisten Rahul Dev Burman sprechen. Film-Noir-Soundtrack-Samples bilden in „All Caps“ den düsteren Kontrapunkt zu Dooms Comic-Visionen. In „Raid“ groovt Jazz-Piano-Legende Bill Evans Seite an Seite mit P-Funk Gott George Clinton.

„Madvillainy“ ist bis heute das einzige Album, dass Madvillain veröffentlicht haben. Sein Schatten ist jedoch so groß, dass diese beiden Superschurken kaum einen Finger rühren müssen und bereits das kleinste Gerücht eines Nachfolgers sofort die Presse in Aufruhrstürme versetzt. Eine bessere Rache kann man sich für Daniel Dumile kaum vorstellen.

Veröffentlichung: 23. März 2004
Label: Stones Throw

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