Portishead – „Dummy“ wird 25 Jahre alt

Cover des Albums „Dummy“ von Portishead

Portishead – „Dummy“

Mit den menschlichen Abgründen ist es so eine Sache. Einerseits faszinieren sie uns. Wer könnte schon von sich weisen, zumindest ein wenig reizvoll zu finden, einen Blick ins finstere Hinterstübchen einer sündhaften Seele zu erhaschen? Durchs Schlüsselloch unserer eigenen Kellertür blicken wir hingegen nicht so gern. Denn wer weiß, welche Kreaturen dort auf uns warten. Und ob sie uns nicht am Ende womöglich verschlucken. Davor warnte schon Nietzsche als er 1886 schrieb: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Und einige Jahre zuvor sinnierte Woyzeck: „Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinunterschaut“.

Im Zeitlupentempo durch den Abgrund

Es sollte ungefähr 100 Jahre dauern, die beiden Herren eines Besseren zu belehren. Und zwar genau bis zum 22. August 1994. Der Tag, an dem Beth Gibbons, Geoff Barrow und Adrian Utley alias Portishead mit ihrem Debütalbum „Dummy“ den schwindelerregenden Abgrund in begehbares Gebiet verwandelten. Und mit ihrer Musik die menschliche Finsternis nicht ausgeleuchtet, sondern zum Leuchten gebracht haben. In Zeitlupe abgespulte HipHop-Beats, glitzernd-knarzende Gitarrentupfer und bittersüße Harmonien boten den sicheren Boden, auf dem die ganze dunkle Farbpalette menschlicher Gefühlswelten erstrahlen konnte.

Benannt nach Barrows Heimatstadt, schreiben Portishead mit ihrem Debüt beinahe über Nacht Musikgeschichte. Aus dem Stand erklimmt es den zweiten Platz der britischen Albumcharts. Und die Mischung aus HipHop, Electronica und Jazz verlangt die Suche nach neuen Begriffen: TripHop war geboren. Aber es wäre nicht ganz richtig, allein „Dummy“ die Geburt dieses neuen Genres zuzuschreiben. Vielmehr ist es Kristallisationspunkt einer musikalischen Bewegung, die sich als „Sound Of Bristol“ einen Namen machte. Massive Attack, Tricky und Portishead waren sich hier gewissermaßen gegenseitig Impulsgeber. Das ist für „Dummy“ auch deshalb nicht unwichtig, weil Barrow schon bei den Aufnahmen zu „Blue Lines“, dem 1991 veröffentlichten Debüt von Massive Attack, assistierte. Genau in dieser Zeit traf der HipHop- und Sampling-Fanatiker auch den Jazz-Gitarristen Adrian Utley und Beth Gibbons, die in Bristol ihre Gesangskarriere voranbringen wollte.

Zitternd, filigran und unzerstörbar

Ungleiche musikalische Welten fließen auf dem Album so ineinander, dass es wie aus einem Guss klingt. Zugleich ist jeder der elf Songs von anderen Akzenten gefärbt. Sei es das gesamplete Scratching bei „Wandering Star“, die Orgel in „It’s A Fire“ oder die herzzerreißenden Streicher und zarten Rhodes-Akkorde bei „Roads“, einem Song, der jeden noch so fest geschnürten Gefühlsknoten erweichen lässt. Aber das Besondere an „Dummy“ sind nicht nur diese ungewöhnlichen Klangverflechtungen, in die auch zahlreiche Filmsamples einfließen. Es sind die Zwischenräume und Leerstellen, die Luft zwischen den Tönen und das Unausgesprochene, aus denen seine unvergleichliche Aura erwächst.

Und vor allem ist es Beth Gibbons. Ihr Gesang ist die Lunge, die jede Faser dieses dunklen Klangkörpers am Leben hält. Zitternd, filigran und zugleich unzerstörbar, entlarvt sie uns und sich selbst von der ersten bis zur letzten Zeile. Denn sie weiß: „Inside, you’re pretending“ („Mysterons“). So in sich versunken sie auch zu sein scheint, sie hat mehr als sich selbst im Blick. Aus Songzeilen wie „Can’t anybody see / We’ve got a war to fight / Never found our way / Regardless of what they say“ („Roads“) spricht nicht nur die Verzweiflung einer vom Leben Gebrochenen, sondern das Wissen einer, die tief ins Innere der Menschen vorgedrungen ist. Und sie durchschaut hat: „the masks that the monsters wear“ („Wandering Star“). Durch die Adern dieser Worte strömen Schmerz und Sehnsucht: „Give me a reason to love you.“ („Glory Box“) Aber sie zerbricht nicht daran. Und obwohl das Narrativ der fragilen weiblichen Sängerin so passend zu sein scheint, man sollte sich vor ihm hüten.

Worte, die klingen als wären sie die letzten

Beat für Beat schreitet „Dummy“ durch den Abgrund. Ohne von diesem verschluckt zu werden. Vielleicht, weil es sich mit ihm verbündet hat. Und zwar um genau die Sprache zu finden, die der Schwere des menschlichen Dramas gerecht werden kann. Eine Schwere, die viel älter ist als die urbane Kälte und Rastlosigkeit der 90er. Denn sind wir nicht „umherirrende Sterne, für die dunkelste Finsternis aufbewahrt ist in Ewigkeit“? So zumindest steht es in der Bibel, im „Brief des Judas“. Und es scheint, als hätten diese Zeilen auch 1994 nichts an ihrer Gültigkeit eingebüßt, hallen sie doch fast im O-Ton auf „Dummy“ wider: „Wandering stars, for whom it is reserved / The blackness, the darkness, forever“. Es sind Worte, die klingen als wären sie die letzten, aber sie bleiben für immer die ersten.

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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