Zum Tod von Daniel Johnston: ein Porträt in fünf Songs

Foto des US-Musikers Daniel Johnston

Daniel Johnston (Foto: Paul Hudson, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Er war einer der größten Antihelden der US-amerikanischen Musikwelt. Und manche mögen sich darüber streiten, ob seine rohen, kindlichen Verzweiflungslieder und grotesken Comics Kunst oder Ausdruck einer psychischen Erkrankung sind. An dem künstlerischen Schatz, den der vielbegabte Daniel Johnston von Kindesbeinen an in die Welt trug, prallt jedoch jeder Versuch derartiger Einordnungen ab. Für den Autodidakten war Kreativität keine Nebensache, sondern Lebensmotor. Und so verwirrt und verzweifelt er einerseits schien, seine Schöpferkraft war unzerstörbar. Genau von dieser unerschütterlichen Zerbrechlichkeit legen seine Zeichnungen und seine Musik Zeugnis ab. Am 11. September 2019 ist Daniel Johnston im Alter von nur 58 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Das hier ist ein Porträt in fünf Songs.

„Grievances“ aus dem Album „Songs Of Pain“ (1980-81)

Daniel Dale Johnston wuchs als jüngstes von fünf Kindern in einem streng christlichen Elternhaus in Cumberland, West Virginia auf. Viele seiner Eindrücke und Erlebnisse hielt er mit seinem Kassettenrekorder fest. Sein erstes Tape „Songs Of Pain“ ist eine frühe Dokumentation dieser für ihn essentiellen Verschmelzung von Kunst und Leben.
Das Eröffnungsstück „Grievances“ setzt ein mit einem hüstelnden Räuspern. Doch dann erklingt einer der schönsten Songs, den je ein enttäuschtes Herz geschrieben hat. Es geht einerseits um seine große Liebe Laurie Allen: „If I had my own way, you’d be with me here today / But I rarely have my own way, that’s why you’re not here with me today.“ Aber auch um viel mehr: „Climbed up a mountain, and I looked around / Some kind of circus with all them clowns“, singt eine sich der konventionellen Tonordnung verweigernde Stimme. Am Ende könnte die Liebe vielleicht der menschlichen Idiotie ein Gegengewicht bieten, aber er weiß: „That we’re all on our own.“ Diese gar nicht so leichten Einsichten werden von einem umso leichteren Klavier getragen. Dieses war ihm schon früh ein treuer Gefährte. Es ist nicht nur Begleitinstrument, sondern eher wie ein Spielkamerad, der fröhlich vor sich hin trällert, um auf das traurige Gesicht seines Freundes ein Lächeln zu zaubern – aber eins, das nur die beiden verstehen.

„Walking The Cow“ aus dem Album „Hi, How Are You?“ (1986)

„Hi, How Are You?“ waren die ersten Worte, die er zu seiner geliebten Laurie sagte und es ist der Titel des Albums, mit dem es ihm erstmals gelang, eine breitere Öffentlichkeit für sich zu gewinnen. Um bekannter zu werden, verteilte der Musiker seine Kassetten auf der Straße und wenn ihm die Kopien ausgingen, nahm er es einfach nochmal auf. Lokale Plattenläden legten das Tape bei sich umsonst aus. Und Johnston, der zu dieser Zeit bei McDonald’s arbeitete, vorher hatte er es auf der Universität und Kunstschule versucht, schmuggelte sein Werk manchmal in McDonald’s-Tüten hinein. Durch eine MTV-Dokumentation über die Musikszene von Austin, Texas konnte er dann schließlich eine kleine Fangemeinde für sich gewinnen. Der Fan, der das Licht der Öffentlichkeit jedoch besonders hell auf ihn scheinen ließ, war Kurt Cobain. Dieser trug 1992 bei den MTV Video Music Awards ein T-Shirt, auf dem der berühmte „Frosch“ des Albumcovers abgebildet war.

Der Song „Walking The Cow“ ist inspiriert von einem Werbelogo der US-amerikanischen Eiscreme-Marke Blue Bell, auf dem ein Mädchen zu sehen ist, das eine Kuh spazieren führt. Für den Lo-Fi-Pionier war das Motiv jedoch mehr als das. So verriet er in einem Gespräch, das in der Doku „The Devil And Daniel Johnston“ (2005) von Jeff Feuerzeig, zu sehen ist, dass „Walking The Cow“ nichts Geringeres bedeute als das ganze Gewicht der Welt zu tragen. Der Song beginnt mit dem Satz: „Hi, How Are You?“. Danach lässt er seine Magnus Chord Organ die ganze Schwere des menschlichen Daseins für einen Moment fort tanzen. Über einen nervösen Akkord-Pulsschlag legt sich hin und wieder eine verspielte Melodie während eine schüchterne Stimme dem Zusammenbruch zu entkommen versucht.

„Don‘t Play Cards With Satan“ aus dem Album „1990“(1990)

In einem Interview sagte Johnston einmal, dass Satan seinen Namen kennt. In „Don‘t Play Cards With Satan“ klingt seine Furcht vor dem bösen Verführer wider. Zugleich schimmert von irgendwo die Hoffnung auf Erlösung: „I thought I saw a bluebird / Sitting on a post / Shiver down my spine / I thought it was the Holy Ghost.“ Die Stimme überschlägt sich, Satans Name wird gerufen und zugleich sind Harmonie und Melodie so eingängig und tröstlich, dass sie Erinnerungen an die Kirchenlieder, mit denen der Musiker groß wurde, wecken.

„Life In Vain“ aus dem Album „Fun“ (1994)

„Fun“ war das erste Album, das auf einem Major-Label erschienen ist. Einen vorher von Elektra Records angebotenen Vertrag hatte er abgelehnt, da diese auch Metallica unter Vertrag hatten, von denen er dachte, dass sie vom Satan besessen waren. Er entschied sich also für Atlantic Records. Der zweite Albumsong „Life In Vain“ ist das herzzerreißende Bekenntnis eines Lebenskünstlers: „It’s so tough just to be alive / When I feel like the living dead“, singt der zu dieser Zeit in einer psychiatrischen Klinik wohnhafte Künstler. Zur Folk-Gitarre gesellt sich eine lieblich weinende Geige, die so klingt, als wollte sie sich in Zurückhaltung üben, aber zugleich daran erinnern will, dass der Ängstliche nicht allein ist. Und am Ende vielleicht alles gut wird.

„Space Ducks Theme Song“ aus dem Album „Space Ducks“ (2013)

Im Jahr 2012 hat sich Johnston einen Kindheitstraum erfüllt und seinen ersten Comic in die Welt gebracht: „Space Ducks: An Infinite Comic Book Of Musical Greatness“. Die Geschichte handelt von Enten, die sich gegen die Agenten des Satans stellen. Der ein Jahr später folgende Soundtrack ist sein letztes Album, auf dem unter anderem auch Songs von Jake Bugg, Eleanor Friedberger oder Lavender Diamond versammelt sind. Mit kindlicher Fantasie und einer großen Portion groteskem Humor nimmt er hier nochmal den Kampf mit dem Bösen auf: „Space Ducks! Fighting all the evil! All the creepy people! In a war in outer space!“, singt der 51-Jährige im „Space Ducks Theme Song“. Das Klavier watschelt fröhlich durchs Universum, begleitet von Schlagzeug, Bass und quakenden Lauten. Der Gesang ist hingegen mehr in dieser Welt als sonst. Und es klingt so, als hätte Johnston gemeinsam mit seinen gefiederten Mitstreitern den Kampf gegen die Dämonen gewonnen.

Das könnte Dich auch interessieren:

  • Alles wabert: Radikaler Lo-Fi-Soul von Liv.e
    Alles wabert im Lo-Fi-Soul von Liv.e. Ihr Ansatz ist dabei rauer und radikaler als bei den meisten Produzent*innen, die mit Lo-Fi-Ästhetik spielen....
  • (Sandy) Alex G (Ticket-Verlosung)
    Bei (Sandy) Alex G treffen expressiver Freak-Pop auf intimen Folk und finstere Elektro-Akustik-Experimente. Wir verlosen Gästelistenplätze für die Deutschland-Shows des US-Amerikaners....
  • Freundliche Verzerrung: DC Schneider aus Den Haag
    Freundliche Verzerrung, Lo-Fi statt Super-Lo-Fi: DC Schneider aus Den Haag waren mit Pedro Goncalves Crescenti und Peter Rubel im Studio. Unser Track des Tages....


Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Andreas Hegewald
    Dez 15, 2019 Reply

    Danke, das war ein sehr schöner Bericht. Schätze in Deutschland kennen viele Johnston nicht. Möge er in Frieden ruhen.
    Alles Liebe und Danke.

Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.