Beth Gibbons & The Polish National Radio Symphony Orchestra – „Henryk Górecki: Symphony No. 3“ (Rezension)

Cover des Albums „Henryk Górecki: Symphony No. 3“

Beth Gibbons & The Polish National Radio Symphony Orchestra (Domino)

9,0

Es beginnt mit einem kaum hörbaren Kontrabass. Das Instrument spielt eine einsame Melodie, von unten nach oben aufsteigend. Es klingt wie ein Mensch, der mühselig aus einem Brunnen ans Tageslicht klettert. Doch dieser Kontrabass bleibt nicht lange alleine: ein zweiter und ein dritter greifen ihm unter die Arme, anschließend übernehmen Celli und Bratschen die Melodie. Es ist eine Fuge in der Tradition von Johann Sebastian Bach: Das Motiv wandert langsam durch das ganze Streichorchester, immer in kleinen Variationen, doch mit jedem Mal heller und strahlender, bis auf einmal 64 Instrumente diese herzzerreißende Melodie intonieren. Und dann, wenn man denkt, diese Musik könnte nicht größer werden, bleibt plötzlich die Zeit stehen. Ein einzelner Klavierton ertönt, eine Frauenstimme atmet ein und beginnt zu singen. Und plötzlich ist man wieder ganz unten, auf dem Grund des Brunnens.

In der Musik, die auf diesem Album zu hören ist, treffen drei TitanInnen der U- und E-Musik aufeinander. Das Stück ist die 3. Sinfonie von Henryk Górecki. Der polnische Komponist schrieb sein berühmtestes Werk im Jahr 1976, ein Konzeptwerk über Mütter, die durch Krieg und Gewalt von ihren Kindern getrennt wurden. Im ersten Satz singt die Solo-Sopranistin ein Stoßgebet der Heiligen Mutter Maria. Der zweite Satz variiert eine Nachricht, die eine von ihrer Mutter getrennte Tochter an die Wand eines Konzentrationslagers schrieb. Im dritten Satz verwendete er den Text eines schlesischen Volksliedes, in dem eine Mutter inmitten der blutigen Aufstände in Oberschlesien die Leiche ihres von deutschen Soldaten getöteten Sohnes sucht. So tonnenschwer wie die Thematik dieser Musik sich liest, so transzendental traurig klingt sie. Allein die Tempo-Angaben sprechen Bände: Erst „Lento“ (langsam), dann „Lento e Largo“ (langsam und breit) und schlussendlich wieder „Lento“. Drei Klagelieder in sakraler Zeitlupe.

Transzendental traurige Klagelieder

Dirigiert wurde diese Aufnahme von einer anderen Klassik-Größe Polens: Krzysztof Penderecki. Selbst wenn man seine „Threnody To The Victims Of Hiroshima“ nie bewusst aufgelegt hatte, hat man sie wahrscheinlich schon gehört: Die atonale Avantgarde-Komposition, in der Streichinstrumente wie um ihr Leben flehende Menschen kreischen, wurde schon in unzähligen Soundtracks verwendet, von „Twin Peaks“ bis „Children Of Men“. Góreckis Sinfonie dirigiert Penderecki jedoch vergleichsweise konservativ, mit sehr viel Ruhe und Respekt vor dem Material. Die Töne alleine machen genug.

Doch das ungewöhnlichste Element dieses Triumvirats ist auch der Star dieses Albums: Den Solo-Sopran singt niemand anderes als Beth Gibbons. Die Künstlerin, die mit ihrer Band Portishead die melancholische Nachtmusik perfektionierte. Die Britin musste sich für dieses Projekt intensiv vorbereiten, um sowohl den polnischen Originaltext zu meistern als auch das emotionale Gewicht dieser Musik zu greifen. Die Songs von Portishead waren schon immer traurig, doch Góreckis Sinfonie ist eine ganz andere Hausnummer.

Der Aufwand hat sich gelohnt. Das hier ist nicht die Gibbons, die Selbsthass in Trip-Hop-Kunst verwandelte. Ihre Stimme ist klar erkennbar, der rauchige Nachklang, das entwaffnende Zittern. Doch die Größe, zu der sich ihre Stimme hier auftürmt, ist fast schon unmenschlich. Früher richtete sie ihre Stimme ins Innere, doch hier strahlt sie in alle Richtungen gleichzeitig. Eigentlich müsste man vom ersten hörbaren Einatmen der Künstlerin bis zum Schlussapplaus die Luft anhalten. Alles andere wäre unangemessen. Ein Album, das man hören muss, um es zu glauben.

Veröffentlichung: 29. März 2019
Label: Domino

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