H.E.R. – „Back Of My Mind“ (Rezension)

Bild des Albumcovers von „Back Of My Mind“ von H.E.R.

H.E.R. – „Back Of My Mind“ (RCA Records)

6,0

Eines der ätzendsten Nebenprodukte der Streaming-Ära ist das ewig lange Blockbuster-Pop-Album. Pop-Giganten wie Drake, The Weeknd oder auch Justin Bieber konzentrieren sich erst auf medien- und algorithmenstarke Singles, nur um dann ihre LPs so lang und ausgedehnt wie möglich zu machen. Ein modernes Pop-Album ist öfter als seltener über 15 Songs schwer. Dieses Phänomen ist keineswegs neu: Die US-Journalistin Jilian Mapes berichtete bereits 2016 für den Onlinedienst Pitchfork über den nervigen Trend des viel zu langen Pop-Albums. Finanziell betrachtet ist das ein überaus lukratives Geschäftsmodell: Ein einzelner Stream bringt nicht viel Geld, doch wenn Millionen Migos-Fans alle 19(!) Songs des neuen Migos-Albums „Culture III“ in Endlosschleife hören, springt da deutlich mehr Cash bei rum.

Auf künstlerischer Ebene ist das natürlich weniger erfreulich. Kein Drake-Album muss eineinhalb Stunden und 25 Songs lang sein. Das Ergebnis sind oft unerträglich langweile LPs in epischer Länge, genauso aufgebläht und uninspiriert wie schlimmste Prog-Rock-Platten. Dies soll kein müdes „Boomer-Argument“ à la „früher war Musik viel besser!“ sein – auch im Jahr 2021 gibt es sehr viele, sehr gute Mainstream-Pop-Songs und wer etwas anderes behauptet, hat an den falschen Stellen gesucht. Was aber auf jeden Fall in dieser Zeit immer transparenter wird, ist eine Tatsache, die Mainstream-Pop-Alben schon immer prägte: Es handelt sich hier um Produkte, nicht zwangsläufig um Kunst. Produkte, die unterhalten können, aber dennoch zum finanziellen Selbstzweck geschaffen wurden.

Aufgeblähte Blockbuster

Auch „Back Of My Mind“, das neue Album von H.E.R., schlägt in diese Kerbe. Die US-amerikanisch-philippinische R&B-Musikerin, die mit bürgerlichem Namen Gabriella Sarmiento Wilson heißt, unterzeichnete bereits 2011, im Alter von 14 Jahren, einen Vertrag mit Sony. Nun, zehn Jahre später, erscheint ihr Debütalbum. Es fühlt sich nicht ganz wie ein Debüt an. Erst im vergangenen Februar gewann Wilson einen Grammy in der Kategorie „Song Of The Year“, für die aufwühlende Protest-Single „I Can’t Breathe“. Hier handelt es sich um einen dieser sehr guten Mainstream-Songs, ein genuin mächtiges, wütendes Stück Pop-Musik, ein Monat nach der Ermordung von George Floyd erschienen. Des Weiteren veröffentlichte Wilson im vergangenen Jahrzehnt bereits fünf EPs, unzählige Singles und zwei Compilations in LP-Länge. Nun erscheint ihr „Debütalbum“ – und es ist 21 Songs und 80 Minuten lang. Uff.

„Back Of My Mind“ ist aber deutlich frustrierender als die bereits erwähnten Blockbuster. Denn es ist zu großen Teilen sehr gut. H.E.R. hat ein Mainstream-Pop-Album geschaffen, das mit sich selbst kämpft. In der einen Minute wirkt es wie ein berührendes, fein komponiertes R&B-Opus, in der nächsten wie ein Produkt eines auf Zahlen fixierten, zynischen Musikmarkts. Auf die Gefahr hin sich zu wiederholen: uff.

„Back Of My Mind“ ist gefüllt mit sehr guten Songs. Allein schon der erste ist ein ziemliches Highlight: „We Made It“ ist pures Endorphin, mit seiner sich wunderschön in die Höhe schraubenden Hookline und dem psychedelisch angehauchten Instrumental. H.E.R. ist zweifelsohne eine beeindruckende Performerin, mit einer genauso virtuosen wie gefühlvollen Stimme. Das Trap-inspirierte „Find A Way“ macht einfach nur Spaß, komplett mit euphorisch-hysterischem Autotune-Gegurgel von Gastrapper Lil Baby. „Bloody Waters“ kann einen der schönsten Grooves dieses Sommers vorweisen, geschmiedet von den Gastmusikern Thundercat und Kaytranada. Viele dieser Songs demonstrieren den Zauber, der den R&B von Acts wie Solange oder Kehlani zu hoher Kunst macht.

R&B-Kunstwerk oder zynisches Produkt?

Doch wenn diese Zauberei zum zwanzigsten Mal erklingt, verliert sie naturgemäß an Gewicht. Am Ende von „Back Of My Mind“ kommt man nicht um das Gefühl herum, dass dieses Album mit zehn Songs weniger doppelt so effektiv sein könnte. Die guten Songs der zweiten Hälfte, wie die folkige Ballade „Hard To Love“ oder den in seinem musikalischen Minimalismus fast an Tierra Whack erinnernden Abschluss „Slide“, sind unter unerträglich vielen Minuten an Füllmaterial begraben.

Die Länge dieses Albums ist aber nicht ausschlaggebend für das zwiespältige Verhältnis zu ihm. Dafür ist die Wahl der Gastmusiker verantwortlich. Denn zur Mitte von „Back Of My Mind“ kommt plötzlich ein Song um die Ecke, in dem der wegen Körperverletzung verurteilte (und seine Verbrechen auch nicht abstreitende) Chris Brown Zeilen wie „Lookin‘ at you cry, goin‘ crazy / If I could, I would take the pain away“ singen darf. So ziemlich alles an diesem Feature ist zynisch – allein die Tatsache, dass Brown immer noch eine Karriere hat. Aber klar, schließlich verkaufen sich seine Songs gut. Und die fünf Millionen Follower, die er auf der (übrigens größtenteils von Minderjährigen genutzten Plattform) TikTok versammelt hat, will man ja auch nicht vergraulen.

Als pures, konsumierbares Produkt weiß „Back Of My Mind“ auf jeden Fall zu unterhalten. Doch wie bei so vielen Konsumprodukten dieser Zeit sollte man nicht die Augen vor den zynischen Hintergrundprozessen verschließen.

Veröffentlichung: 18. Juni 2021
Label: RCA Records

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