H31r – „HeadSpace“ (Rezension)

Cover des Albums „HeadSpace“ von H31r

H31r – „HeadSpace“ (Big Dada)

8,0

H31r mögen es kryptisch und zweideutig. Wie der Bandname gemeint ist – ob nun als „heir“ (dt. „Erbe“) oder „air“ (dt. „Luft“), das weiß nicht einmal das Label so genau. Es passt ja auch beides gut. Das Experimental-HipHop-Duo hat nach „Ve·loc·i·ty“ von 2020 jetzt mit „HeadSpace“ sein zweites Album veröffentlicht, und zwar auf Ninja Tune bzw. deren Sub-Label Big Dada, das nach dem Relaunch 2021 wieder zurück ist mit einem präzise ausgewählten Artist-Roster (u. a. Yaya Bey und Rahill) und einer schlagenden Agenda: „Big Dada hat eine lange Geschichte und ein langes Erbe, auf dem aufgebaut werden soll, während gleichzeitig seine kulturelle Identität durch die Unterstützung und Bereitstellung von Ressourcen für eine neue Generation von Künstler*innen vertieft wird.“

Wer nichts kann, ist woanders

Sängerin und Texterin Maassai aus Brooklyn und Produzentin JWords (New Jersey) wissen, dass sie können und was sie können. Deshalb unterscheidet sich „HeadSpace“ von seinem Vorgänger höchstens en détail: Wieder mit einer Albumlänge von weit unter 30 Minuten, bei 14 Songs (inklusive einem Interlude und einem „Air It Out“) macht das im Durchschnitt keine drei Minuten pro Lied. H31r mögen das Skizzenhafte, lieben ihre kurzen EPs, die sie in fluffiger Stetigkeit und in unterschiedlichen Konstellationen einfach so auf Bandcamp veröffentlichen können.

Das Album ist sehr intim, nur zweimal sind Gast-Vocals zu hören. Einmal ist es Chicago-Rapperin Semiratruth (die mit JWords schon auf der EP „Loading…“ zusammengearbeitet hat), einmal ist es Quelle Chris, der bei „Down Down Bb“ auf ein paar routiniert-lässige Lines hereinschneit. Ansonsten bleiben H31r unter sich. Was super ist, denn nur so kann „HeadSpace“ wirken: „Locked in like a capsule“ heißt es in „Backwards“ an einer Stelle. „HeadSpace“ kann man sich als hermetisch abgeriegelten Raum vorstellen, in dem sich fast ausschließlich Maassais Gedanken frei bewegen dürfen, wobei diese häufig einfach nur zirkulieren. Es ist bemerkenswert, dass Maassai ihr Songwriting als geplanten Prozess bezeichnet, wirkt doch ihr Flow so spontan, als würde sie sich direkt bei der Aufnahme vom introspektiven Fluss der Gedanken leiten lassen.

Imaginäre Architektur

Bei diesem überhaupt nicht betulichem Bedroom-HipHop wird Maassai ausgesucht höflich assistiert von ihrer Partnerin JWords, wobei deren synkopenartige Beats (meist drumlastiger House, häufig mit leicht irritierender rhythmischer Betonung, trotzdem extrem groovy) eigentlich gegen den Strich bürsten und doch passgenau mit Maassais Raps abgestimmt sind.

Die Kunst von H31r besteht darin, dass Maassai und JWords eigentlich nie in exakt gleicher Geschwindigkeit unterwegs sind, die beiden aber trotzdem miteinander harmonieren. Besonders schön wird es, wenn JWords‘ Beats tatsächlich einmal die Flucht aus der Enge gelingen und regelrecht wegtrippen: Das klingt dann fast so, als würde Maassai über einen bimmeligen Pantha-Du-Prince-Track rappen („Static“). Die elektronischen Klein(st)geräte für den Hausgebrauch, mit denen JWords ihre Tracks baut, haben es ihr erlaubt, sich eine komplexe rhythmische Sprache anzueignen und sie mit solcher Ausdruckskraft erfahrbar zu machen, dass man die Musik regelrecht als imaginäre Architektur in unterschiedlichen Formen und Aggregatzuständen vor sich zu sehen glaubt. Fremdartig und schön.

Veröffentlichung: 17. November 2023
Label: Big Dada

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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