Messer – „Kratermusik“ (Rezension)

Von Jan Boller, 5. März 2024

Cover des Albums „Kratermusik“ von Messer

Messer – „Kratermusik“ (Trocadero)

8,2

Die Gruppe Messer führt auf dem neuen Album „Kratermusik“ den auf dem Vorgänger „No Future Days“ eingeschlagenen Weg fort. Was sich in ihren Anfangstagen mit den Alben „Im Schwindel“ (2012) und „Die Unsichtbaren“ (2013) als präziser Post-Punk mit poetisch-schroffen Texten und der eigenwilligen Sprechstimme von Hendrik Otremba auswies und mit „Jalousie“ (2016) zusätzlich einen Hauch von Goth-Romantik erhielt, führte auf „No Future Days“ zur Öffnung der „Tapetentür“: Kraut, Dub und Funk betraten den Raum. Punk war das höchstens noch in der Haltung. Nicht mehr im Sound.

Am eigenständigen Klangraum arbeiten Messer auch auf „Kratermusik“, immer intuitiv, doch voller Referenzen. Es mag ein Zufall sein, dass man beim Hören von „Kratermusik“ immer wieder an die musikalischen Hinterlassenschaften von Menschen denken muss, die im vergangenen Jahr gestorben sind: Xaõ Seffcheque (Family 5), Terry Hall (The Specials) und Tom Verlaine (Television). Dazu kommen länger Verflossene wie Genesis P-Orridge (Throbbing Gristle), Ari Up (The Slits), Joe Strummer und Tobias Gruben sowieso. Und Dan Treacy (TV Personalities), der nicht gestorben ist, aber im Pflegeheim lebt und um den es nicht zum Besten zu stehen scheint. Vom „Vermächtnis einer Selbstzerstörung“ spricht Hendrik Otremba, Rocksänger wider Willen („weil eigentlich zu fragil und sensibel“), im Opener „Frieden finden“. Ein künstlerisches Erbe, das Otremba ausschlägt: „Damit lass ich’s darum lieber sein. Ich würd’s gern machen, ich weiß nur nicht wie. Mein Geist ist dazu viel zu klein.“

Aus den Trümmern entsteigt der Dub

„Kratermusik“ ist Inventur und Analyse. Schon der Albumtitel und das Cover, eine Schwarzweiß-Fotografie von Moritz Hagedorn, evozieren Stille und Stasis. Die Band sagt dazu: „Wo ein Krater liegt, muss es einen Vorfall gegeben haben. Etwas ist eingeschlagen oder ausgebrochen, wo jetzt Ruhe ist.“ Man erwartet Ambient oder flächigen Post-Rock, aber man bekommt (erst einmal) die charakteristischen Klänge des Post-Punk: Bedrohliche Tanzmusik, die ihr Publikum gewaltsam zu bewegen versucht. „Schweinelobby (Der Defätist)“ ist hektisch und aufgekratzt, mit ungehobelten Fanfarenstößen, gespielt von Friedhild und Ludger, den Eltern von Schlagzeuger Philipp Wulf. Otremba beschäftigt sich ein weiteres Mal mit den Motiven hinter der „Aktions-Kunst“ von Benito, der Hauptfigur seines gleichnamigen Romans aus dem Jahr 2022. Der blinde Benito hätte bei einem Empfang ein Massaker angerichtet, wenn er nicht minutenlang nur mit Platzpatronen um sich geschossen hätte. So hat Benito nur willentlich seine Selbstauslöschung herbeigeführt. Ein faszinierendes wie rätselhaftes Bild, was Otremba da gelungen war und das ihn über den Roman hinaus beschäftigt: „Was hat er sich dabei gedacht? Wie konnt‘ er sowas machen?“

Aus den vermittelten Bildern ziehen Autor und Publikum vielleicht einen Erkenntnisgewinn. Messer halten das Flüchtige fest und zerfasern erneut. Es ist eine bizarre Traumwelt, in der die Kratermusik spielt, im Falle von „Taucher (Für Smukal)“ ist es eine Welt unter Wasser. Hendrik Otremba versteckt seinen Gesang und seine Texte vermehrt im Hall, im Nebel, im Blubbern, im Rauch. Die klassische Arbeitsteilung, nach der das von funky Gitarrist Milek, Bassist Pogo McCartney sowie Schlagzeuger Philipp Wulf gelegte musikalische Fundament mit Otrembas Texten bestückt wurde, existierte schon auf „No Future Days“ in dieser Form nicht mehr. Auf „Kratermusik“ sind die Grenzen von Musik und Text bisweilen vollends aufgelöst. Spätestens mit „Kerzenrauchers letzte Nacht“ driftet „Kratermusik“ immer mehr in die Unwirklichkeit ab. Haben sich die Basslinien aus der mechanischen Struktur des Post-Punk gelöst, entsteigt so aus den Trümmern der Dub.

Der Mensch als Triebfeder gewaltiger Umwälzungen

Noch mal das Cover: Ganz kleine Menschen bewegen sich auf einer mondähnlichen Kraterlandschaft. Aber wirkt der Mensch noch so unbedeutend, ist er im Anthropozän doch längst zur entscheidenden Triebfeder gewaltiger Umwälzungen der Natur geworden. Frühe Songs der Band orientierten sich noch an den trostlosen Fassaden bundesrepublikanischer Industrie-Städte („Durch die Gassen dieser Nacht“), mittlerweile beschäftigen sich Messer mit den gewaltsamen Eingriffen des Menschen in die Landschaften außerhalb des Urbanen. Manchmal lassen sich Bruchstücke zu einem sinngebenden Ganzen zusammenfügen: So führt „Grabeland“ zum Bergbau und den stillgelegten Zechen des Ruhrgebiets, zu „Thrash Altenessen“ und zu Mille Petrozza: „The Impulse For Decay Is A Human Curse.“

Derlei hermeneutische Arbeit am Text gelingt nicht immer und überall, aber das macht nichts. Messer schaffen ein geheimnisvolles Album und sie beenden es mit ihrem ganz eigenen „Ghost Town“: „Das Ende einer groszen Verwirrung“ ist auch das Ende des großen Missverständnisses zwischen Erde und Mensch: „Ich hab die Erde verlassen … sie kann nicht untergehen.“ Das abschließende „Lalala“ deutet an: Es ist besser so.

Veröffentlichung: 1. März 2024
Label: Trocadero

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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