Sampa The Great – „As Above, So Below“ (Rezension)

Cover des Albums „As Above, So Below“ von Sampa The Great.

Sampa The Great – „As Above, So Below“ (Loma Vista Recordings)

8,4

Viele Jahre bevor weiße Künstler wie Ginger Baker oder Brian Eno auf ihre jeweils eigene Art und Weise westliche Pop-Musik mit diversen Genres des afrikanischen Kontinents kombinierten, hatten Musiker*innen aus Sambia die gleiche Idee. In den späten 60er-Jahren entstand in dem südafrikanischen Binnenstaat nämlich eine Musikrichtung namens Zamrock. Bands wie Witch oder The Peace verbanden Psych- und Acid-Rock von US- und UK-Acts wie Jimi Hendrix, The Doors und Cream mit lokalen Sounds. Zamrock-Bands spielten sowohl Fuzz-Gitarre und E-Bass als auch traditionelle Instrumente wie die Ngoma-Trommel oder das Streichinstrument Babatone. Zamrock-LPs klingen aus heutiger Perspektive beinahe wie elektrische Zukunftsmusik – die durch die verheerende AIDS-Krise in den 80er-Jahren viele ihrer wichtigsten Perfomer*innen verlor (fünf der sechs Witch-Gründungsmitglieder starben zwischen 1974 und 1984) und daher bis vor wenigen Jahren eigentlich als ausgestorben galt.

Diese totgesagte Zukunftsmusik wird auf dem neuen Album von Sampa The Great wieder zum Leben erweckt. „As Above, So Below“, ihr zweites Studioalbum, ist für die in Sambia geborene, in Botswana aufgewachsene und in Australien lebende Rapperin gleichzeitig eine Weiterentwicklung und Rückbesinnung. War ihr 2019er Debüt „The Return“ noch ein ultrafokussierter Kraftbeweis, mit (selbster)mächtigen(den) BoomBap-Hymnen, ist der Nachfolger eine deutlich breiter aufgestellte Angelegenheit. Sampa Tembo, so ihr bürgerlicher Name, nahm das Album innerhalb von zwei Wochen in Sambia auf, inmitten der Pandemie. Dort verarbeitete sie die Sounds ihrer Heimat – und kombinierte sie mit den Rap-Hymnen, die ihr ihren Durchbruch ermöglichten.

Rückbesinnung und Weiterentwicklung

So ist eine der vitalsten HipHop-LPs des bisherigen Jahres beispielsweise mit Zamrock-Referenzen durchzogen. Songs wie die Single „Never Forget“ oder „Can I Live“ (auf dem die heutige Besetzung von Witch gastiert) sind von polyrhythmisch verzahnten Acid-Gitarren angetrieben, die einen schönen Kontrast zu den modernen 808-Beats darstellen. Über diesen Alt und Neu verwebenden Klangteppich rappt Sampa Tembo mit sich überschlagender Raspelstimme. Das Ergebnis ist ein in Musik verwandelter Adrenalinschub. Die musikalischen Referenzen reichen auch über die sambischen Grenzen hinaus – und sind dabei immer äußerst persönlich. Im Albumabschluss „Let Me Be Great“ singt der beninische Superstar Angélique Kidjo die Hookline – eine Musikerin, die Tembo schon als Kind bewunderte. Zu diesen afrikanischen Musikikonen gesellen sich Gastauftritte von US-HipHop-Stars wie Denzel Curry und Joey Bada$$, mit denen Tembo jeweils auf der gefühlvollen Single „Lane“ und der herrlich ballernden Trap-Exkursion „Mask On“ rappt.

Inhaltlich ist „As Above, So Below“ – genau wie sein Vorgänger – trotz des extrovertierten Sounds eine ziemlich introspektive Angelegenheit. Der Kontrast von „Oben“ und „Unten“ im Albumtitel steht für Tembo für den Konflikt zwischen äußerer Wirkung und innerem Selbst. Immer wieder rappt sie über „Eve“, im Sinne der biblischen Eva. Nicht aus religiöser Überzeugung, sondern mehr als Sinnbild einer ursprünglichen Weiblichkeit – was in dem das Album begleitenden Kurzfilm „The Origin Story“ noch weiter unterstrichen wird. Auf „As Above, So Below“ laufen also ziemlich viele Fäden zusammen. Alleine, dass dieses Album unter all diesen thematischen und musikalischen Querverweisen nicht zusammenbricht, ist eine Meisterleistung. Für Sampa The Great ist es eine große Weiterentwicklung – die perfekte Zukunftsmusik für das Jahr 2022.

Veröffentlichung: 9. September 2022
Label: Loma Vista Recordings

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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