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Was ist Musik In eigener Sache. Vom Alten Lernen? Nostalgia for an age that never existed?

ByteFM: Was ist Musik vom 12.01.2014

Ausgabe vom 12.01.2014: In eigener Sache. Vom Alten Lernen? Nostalgia for an age that never existed?

Liebe Hörer_innen von Was ist Musik,

das Internetradio ByteFM sendet seit 2008. Ebenso lange mache ich dort die Sendung 'Was ist Musik', immer sonntags um 20 Uhr. In den ersten zwei Jahren war die Sendung drei Stunden lang, seit 2010 zwei Stunden. Wie alle Autoren-Sendungen bei ByteFM (im Unterschied zu den redaktionell gestalteten) wird 'Was ist Musik' nicht honoriert.

Zwei Stunden Sendezeit ohne inhaltliche Vorgaben oder Beschränkungen, das ist ein Geschenk und ein Privileg, das es in dieser Form im öffentlich-rechtlichen Radio praktisch nicht (mehr) gibt. Zwei Stunden Sendezeit so zu füllen, dass es interessant bleibt, auf der Höhe der Zeit und den Ansprüchen der Hörer_innen genügt – und den eigenen - das ist eine Aufgabe, die viel Einsatz erfordert und viel Zeit.

Zeit und Arbeit, für die es kein Geld gibt, Zeit, die ich brauche, um anderweitig Geld zu verdienen. Die Möglichkeiten, im deutschsprachigen Radio mit popkulturellen Themen Geld zu verdienen, haben sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verschlechtert, man braucht also mehr Zeit, um genug Geld zu verdienen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mich entschlossen habe, meine Sendung ab sofort auf eine Stunde pro Woche zu kürzen.

Dazu noch ein paar allgemeinere Überlegungen:
Zu den Besonderheiten der digitalen Marktwirtschaft gehört der Umstand, dass immer mehr qualifizierte Popkulturarbeit im Internet stattfindet – für immer weniger Geld. Das gilt für schreibende Kritiker wie für Radiomacher. ByteFM hat 2009 den Grimme Online Award bekommen. In der Begründung erinnert die Jury an alte Zeiten: „…bevor der kommerzielle Umbruch der Radiosender den geschmacksbildenden Radio-DJ durch den chartgesteuerten Computer ersetzte.

Dass erst ein neues Medium genau das auferstehen lässt, was viele mit Wehmut an die früher vor dem alten Medium verbrachten Stunden zurückdenken lässt, mag Ironie des Schicksals sein. Doch ist ByteFM kein verklärter Blick in die Vergangenheit, sondern eine von Musikliebhabern für Musikliebhaber gestaltete Plattform…“

Die niedlichen „Musikliebhaber“ sind zum großen Teil Musikjournalisten mit viel Erfahrung beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Deren qualifizierte popkulturelle Arbeit ist im Zuge des nun schon zwei Jahrzehnte andauernden „kommerziellen Umbruchs“ immer weniger gefragt. Mit dem Siegeszug des kommerziellen Privatradios, der übrigens mit dem Fall der Berliner Mauer zusammenfällt, hat sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland von der Popkritik weitgehend verabschiedet - ruhmreiche Ausnahmen bestätigen die Regel.

Entsprechende Sendungen wurden auf nächtliche Sendeplätze verschoben oder ganz abgeschafft. Meine Sendung 'Der Ball ist rund' beim Hessischen Rundfunk wurde Ende 2008 nach 24 Jahren eingestellt – knapp ein Jahr nach dem erfolgreichen Start von ByteFM… Die Folge dieser Entwicklung: Popkritik-Profis reamateurisieren sich zwangsfreiwillig und senden unter Praktikantenbedingungen bei einem Internetradio wie ByteFM.

Selbstverwirklichung gegen Selbstausbeutung – die Tauschformel der Prekaritätsökonomie. Was die Grimme-Jury in ihrer Eloge verschweigt: Dass die possierlichen „Musikliebhaber“ sich nicht bloß selbst ausbeuten, sondern dass sie unter den gegebenen ökonomischen Bedingungen sämtliche Qualitätsstandards unterschreiten müssen, die bei orthodox ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Programmen üblich sind. Von dem Geld, das bei ByteFM in ein aktuelles Zwei-Stunden-Magazin fließt, könnte ein öffentlich-rechtliches Radiofeuilleton keine zwei Minuten senden.

Das ist ein weiterer Grund für die Reduzierung der Sendezeit von 'Was ist Musik': die permanente Unzufriedenheit mit der eigenen Arbeit. Wenn eine Sendung ständig unter Zeit/Geld-Druck entstehen muss, dann drückt das die Qualität und damit die Freude an der Arbeit. Dann bleibt mal eine holprige Moderation drin, die man unter anderen Bedingungen noch einmal aufgenommen hätte, ein schiefer Übergang wird nicht noch mal neu produziert, es fehlt die Zeit, einen Mod-Text auszuformulieren, also redet man redundantes Zeug usw usw…die Qualität leidet.

ByteFM wiederum, also die Redaktion und Ruben Jonas Schnell, der Gründer des Radios, haben keine Mittel, um unbezahlte Mitarbeiter_innen dazu zu bewegen, eine Sendung evtl. noch mal neu aufzunehmen oder anders zu gestalten. Das sind die Schattenseiten der vom Grimme-Institut gefeierten Musikliebhaberei. Und bitte rede jetzt niemand von der Romantik des Unperfekten oder vom Charme des Dilettierens, beides verbraucht sich schneller als man „Das Beste aus den Achtzigern, den Neunzigern und von heute“ sagen kann.

In der Medienberichterstattung wird immer wieder betont, dass ein Internetradio wie ByteFM im Bereich der Popkultur das leistet, was die gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen qua Auftrag leisten müssten - aber nur sehr eingeschränkt tun. Ohne eine halbwegs angemessene Finanzierung kann ByteFM das nicht leisten.

Die Haupteinnahmequelle ist der Freundeskreis von ByteFM. Für 50 Euro – nicht am Tag, nicht im Monat – im Jahr kann man Mitglied werden und hat so Zugang zum Archiv, kann also Sendungen nach eigener Wahl anhören, wann man will. Dazu gibt es weitere Privilegien wie Verlosungen von Konzertkarten und Ähnliches. Wenn Ihr ByteFM unterstützen wollt, dann werdet Mitglied des Freundeskreises, Ihr könnt auch mehr zahlen als 50 Euro.

Selbstverständlich freuen wir uns auch über begabte Crowdfunderinnen oder Ölmilliardäre, die unser Radio sponsern wollen. Bis diese sich gemeldet haben bleibt 'Was ist Musik' bei einer Stunde Sendezeit, Sonntag 20 bis 21 Uhr, das selbe gilt für 'Vierundzwanzig/Sieben – die Woche im Pop', ab sofort am Montag, 18 bis 19 Uhr.

Diese Sendung heißt 'Was ist Musik', weil die Antwort darauf ist: alles.
Danke für die Aufmerksamkeit, Klaus Walter

- - -

Sonntag, 12.1. 20-21 Uhr:

The Seven inch 45 rpm record was King. Jon Savage

„The way to avoid nostalgia is to look for the lost possibilities in any era.“ (Mark Fisher http://k-punk.org/going-overground/)

“Do you remember
Being the first punk in your town
Outlaw #1
For the t-shirt you had on…Nostalgia for an age that never existed.“ Jello Biafra & Mojo Nixon

Sich mit der Vergangenheit beschäftigen, ohne in die Nostalgie-Falle zu tappen. Jon Savage beherrscht diese Kunst, siehe „England´s Dreaming“, siehe „Teenage – die Erfindung der Jugend 1875 - 1945“. ist einer der renommiertesten Pop-Historiker unserer Zeit. Jetzt hat der britische Autor und ByteFM-DJ (Savage Music, sonntags 22 Uhr) ein neues Buch vorgelegt: „Punk 45 - The Singles Cover Art 1976-1980“, darin erzählt Savage mit seinem Mit-Autor Stuart Baker die Geschichte der Punk-Revolte in Bildern. Auf 187 Seiten werden großformatig abgebildet: Plattenhüllen. Die Cover-Kunst auf den Singles der Punk-Ära, dazu Interviews mit wichtigen Protagonisten, das Dokument einer beschleunigten Epoche.

Warum die Single?
Jon Savage: „Singles waren großartig. Anfangs sah es nicht so aus, als sollte Punk allzu lange dauern, also gab es diese Dringlichkeit, alles, was man hatte, rauszubringen. Das Tolle an Punk war, dass der Weg von der Idee zur Umsetzung der Idee sehr kurz war. Man ging nicht für lange Zeit ins Studio um ein Album zu produzieren, nein, ein Tag, zwei, drei, vier Songs rausgehauen, auf eine Single oder eine EP gepresst, ein Cover dazu, um sich bekannt zu machen, denn eine andere Öffentlichkeit gab es damals nicht, abgesehen von kleineren Artikeln in der Musikpresse. Punk war schnell und unmittelbar, es war ein Teenager-Medium. Eine Single zu produzieren war billig, Cassetten klangen mies und hatten ja eher die Länge einer LP. So the Seven inch 45 rpm record was King.”

„Singles are the lifeblood of Rock´n´Roll.“ Pete Townshend

Mark Fisher: “The Jam disintegrated at practically the moment I was coming to musical consciousness and, besides, it wasn’t necessary to be a fan – The Jam were public property, and that was the point. I still remember the time I first heard ‘The Eton Rifles’ and ‘Town Called Malice’ – the former in a barber’s shop, the latter at home on the BBC Top Forty countdown when it came in straight at number one.

The Jam thrived in public space, on public service broadcasting. It mattered that they were popular; the records gained in intensity when you knew that they were number one, when you saw them on Top of the Pops – because it wasn’t only you and fellow initiates who heard the music; the (big) Other heard it too. This effect was maximised in The Jam’s case because their best work happened in the three minute single.

At that point, singles staked a place in the mainstream, directly affecting the conditions of possibilities for popular culture. What we witnessed with punk and postpunk – or more broadly, with the whole efflorescence of popular modernism since the 50s – was an ‘affective contagion’, to use a term discussed in Frederic Jameson’s enthralling new book The Antinomies of Realism.”
(Mark Fisher http://k-punk.org/going-overground/)

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Playlist

1.  Ludus / Would You Rather Dancing Be
Danger Came Smiling / Hormone
2.  Jello Biafra & Mojo Nixon / Nostalgia For An Age That Never Existed
Prairie Home Invasion / Alternative Tentacles
3.  The Stooges / 1969
The Stooges / Newsletter
4.  Mc 5 / Kick Out The James
Mc 5 / Elektra
5.  The Neon Boys / Love Comes In Spurts
Shake To Date / Line
6.  Richard Hell & The Voidoids / Time
Shake To Date / Line
7.  Buzzcocks / Orgasm Addict
Total Pop / Weird System
8.  Ludus / Bitch Party
Danger Come Smiling / Hormone
9.  X-Ray Spex / Plastic Bag
Germ Free Adolescents / Rough Trade
10.  The Adverts / Gary Gilmore’s Eyes
Greil Marcus: Lipstick Traces / Rough Trade
11.  The Slits / Animal Space
Animal Space / Human
12.  Family Fodder / Film Music
Monkey Banana Kitchen / Staubgold
13.  Family Fodder / Bass Adds Bass
Monkey Banana Kitchen / Staubgold