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Was ist Musik Die Stimme – Fingerabdruck der Seele? Nö.

ByteFM: Was ist Musik vom 17.05.2015

Ausgabe vom 17.05.2015: Die Stimme – Fingerabdruck der Seele? Nö.

Stimmen: gecuttet, gepitcht, verbogen, geraspelt, übernatürlich.
Nach einem Trennungsgespräch über Skype sollte die Musik nicht nach Milchshake-Bar der Fünfziger klingen.

Starring: Machineyfied, Shamir, Laurie Anderson, Michael Jackson, Sleaford Mods, Holly Herndon, Sylvester…



„Nicht feminin, nicht maskulin, schon gar nicht androgyn…wir haben es also mit einem quirligen Nicht-Countertenor zu tun, der sich ganz selbstverständlich in Sopranlage bewegt und keine geschlechtliche Zuordnung wünscht.“ Nadine Schildhauer in SPEX über Shamir.

Eine Schwäche für Blümchen
INTERNETPOP Die kalifornische Komponistin Holly Herndon liebt ihren Laptop. Auch nach dem NSA-Überwachungsskandal. Die Songs, die sie für ihr neues Album „Platforms“ am Rechner erzeugt hat, sind fremdartig schön. Und ein bisschen unheimlich
VON TIM CASPAR BOEHME
Wie körperlich kann Laptop-Musik sein? Kann digitale Musik überhaupt körperlich sein? Für Holly Herndon ist das gar keine Frage. Die junge Komponistin, die am CCRMA, dem „Center for Computer Research in Music and Acoustics“ an der kalifornischen Elite-Universität Stanford promoviert, hat sich in ihrem Studium ausgiebig mit dieser Frage beschäftigt. Einfach weil es sie störte, die immer gleichen Vorurteile zu hören. Dass Musik aus dem Laptop körperlos sei. Und nichts so langweilig wie ein Konzert mit Menschen am Klapprechner auf der Bühne. Bis heute ist die Rehabilitierung vom Laptop als Konzertinstrument eines ihrer großen Anliegen.
In ihrer Musik arbeitet sie gern mit natürlichen Klängen, „von etwas, das hinfällt“ zum Beispiel, wie sie beim Gespräch in Berlin erzählt. Auf diesem Wege könne man die „physikalischen Eigenschaften der Welt“ hörbar machen. Das kann auf realistische oder unrealistische Weise geschehen. Hauptsache ist für Herndon, dass ihre Musik „erdig, fleischlich und menschlich“ klingt.
Als Hauptzutat dient ihr die menschliche Stimme. Die wird dann gründlich digital bearbeitet und um ungewohnte Facetten bereichert. Was im Ergebnis keinesfalls spröde klingt. So ist Herndons zweites Album „Platform“ in Europa beim Londoner Label 4AD gelandet, einer bewährten Adresse für alternative Pop-Bands wie die Cocteau Twins.
Auf ihrem Debütalbum „Movement“ von 2012 herrschte eine Spannung zwischen avancierter Clubmusik und freieren Klangetüden. Diesmal hat sie ihre Kräfte zu Songs mit leichter Tendenz zur Abstraktion gebündelt. „Ich denke, meine Musik ist zugleich fremder und zugänglicher geworden“, so Herndon. „Und ich mag diese Kombination.“ Ganz bewusst vermeidet es Hernon dabei, Genrekonventionen zu bedienen. Dinge zu reproduzieren, die es schon gab und die immer gern genommen werden, ist ihre Sache nicht. Lieber verwendet sie neue Klangfarben, die fremd erscheinen können – oder unheimlich: „Etwa wenn du eine Stimme hörst, die aber digital so manipuliert wurde, dass man sie nicht mehr richtig erkennen kann.“
Für Herndon sind diese Klangbearbeitungen keine Spielereien, sondern Teil ihrer Suche nach einer Ästhetik für die Gegenwart. Einer Ästhetik, die sie selbst und ihre Kultur im Allgemeinen repräsentiert. Und mit der sich Emotionen noch einmal ganz anders artikulieren lassen. „Unsere Gefühle ändern sich, unsere Beziehungen ändern sich, die Technik hat einen immensen Einfluss darauf, wie wir miteinander kommunizieren. Und die Gefühle, die man etwa bei einem Trennungsgespräch über skype hat, sollten meiner Meinung nach in der Musik nicht mit denselben Affekten transportiert werden, wie sie vielleicht zu einer Milchshake-Bar in den fünfziger Jahren passen würden.“
Eine Art Trennungssong hat Herndon für „Platform“ beigesteuert: „Home“ handelt allerdings streng genommen nicht vom Ende einer Beziehung, sondern davon, wie eine Beziehung komplizierter wird. Nicht von Mensch zu Mensch, sondern von Mensch zu Laptop.

Tim Caspar Boehme in der taz, 15.5.14


Was Holly Herndons Arbeiten so interessant und anziehend macht, lässt
sich vermeintlich leicht kondensieren – und dann auch wieder nicht:
Sie setzt ihre Stimme und ihren Computer wie ein Instrument ein, das
die beiden durch spezifisch programmierte Tools aneinander bindet –
mit einem Induktionsmikrophon kann Herndon beispielsweise durch
wischende Gesten ihren Laptop steuern und dabei, ähnlich wie bei einem
Theremin, eine Art skulpturalen Sound erzeugen – und die Maschine so
zu einer „fleischlichen“ Klangquelle macht. Sie will die die oft als
Barriere verstandene Technik in der Verbindung mit der vertrauten
menschlichen Stimme dazu nutzen, ein Einfallstor zum Publikum zu
schaffen, um eine Form von Empathie, von verkörperter gemeinsamer
Erfahrung herzustellen. Doch der objektorientierte Zugang zum
digitalen Ding, das Herndon eher als „Ermöglicher“, als Erweiterung
des eigenen Körpers im Heidegger'schen Sinn wahrnimmt, ist keine
blauäugige Technologie-Euphorie, sondern ein von
NSA-Überwachungsszenarien penetriertes Verhältnis, das in den beiden
Stücken „Chorus“ und „Home“ aufbricht. In „Chorus“, das bereits Anfang
2012 als 12“ erschien und von Pitchfork zum besten neuen Track gekürt
wurde, kommen Sounds zum Einsatz, die Herndon bei ihren Streifzügen
durchs Netz während der Verwendung gängigster Tools wie Youtube oder
Skype einsammelte und die in einem schmissig zerhäckselten,
dekonstruktiven Popsong mit den charakteristisch verhallten
Frauenvocals unsere Intimität mit den Apparaten hinterfragen. Im ein
Dreivierteljahr später erschienenen „Home“ wird die Problematik dieser
Beziehung noch weiter gedreht: „I know that you know me better than I
know me“ singt die ätherische Stimme Herndons im Kirchenchoralstil und
kippt dabei manchmal in einen sehnsüchtigen Mickey-Mouse-Soul, während
im Hintergrund subsonische Bässe röhren und es raschelt und scheppert,
als würde eine ganze Wohnung auseinandergenommen. Es sei eine Art
Liebessong für zudringliche Augen, und gleichzeitig ein Trennungssong
für all die Geräte, mit denen sie eine naive Beziehung geführt habe,
gab die Musikerin auf der Website ihres Labels zu Protokoll. Dass da
klanglich der vermeintlich geschützte Raum des „Home“ zerdeppert wird,
macht Sinn – wie auch die Verwendung von „Icons by the National
Security Agency“ im begleitenden Video von Metahaven, die ganz
lakonisch im Abspann angemerkt wird.

Sonja Eismann in konkret, Album des Monats Mai

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Playlist

1.  Holly Herndon / Morning Sun
Platform / 4AD
2.  Shamir / Head In The Clouds
Ratchet / XL
3.  Michael Jackson / Every Grunt
Every Grunt / Youtube
4.  Jackson Five / I Want You Back
Anthology / Motown
5.  Holly Herndon / Chorus
Platform / 4AD
6.  Holly Herndon / Home
Platform / 4AD
7.  Laurie Anderson / O Superman
O Superman / Rough Trade
8.  Shamir / Vegas
Ratchet / XL
9.  Sylvester / I Need Somebody To Love Tonight
Mighty Real / WEA
10.  Machineyfied / Piss Business
Piss Business / Ngland Records
11.  Machineyfied / Alan Minter
Alan Minter / Ngland Records