Black Midi – „Schlagenheim“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Schlagenheim“ von Black Midi, mit schwarz-weißer Illustration und einem grünen Rechteck

Black Midi – „Schlagenheim“ (Rough Trade)

Gab man noch vor ein paar Monaten die Wortkombination Black Midi in eine Online-Suchmaschine ein, dann fand man die unmöglichste Musik der Welt. Es ist der Name für ein obskures Subgenre, das nur mithilfe von Computer funktioniert: Black-Midi-KünstlerInnen komponieren ihre Musik ausschließlich mit digitalen MIDI-Programmen. Warum? Um die Freiheit zu haben, Milliarden von Tönen in einem Song verwenden zu können, seinen Computer unspielbare Lieder singen zu lassen. Diese Musik ist übrigens nicht nur unspielbar, sie ist auch ziemlich unerträglich: Eine Black-Midi-Komposition klingt gerne mal so wie sich ein Schlaganfall womöglich anfühlt.

Gibt man dieser Tage diese Wortkombination in eine Online-Suchmaschine ein, findet man eine junge Band aus London. Gitarrist und Sänger Geordie Greep, Gitarrist Matt Kwasniewski-Kelvin, Bassist Cameron Picton und Drummer Morgan Simpson mögen auf Pressebildern unscheinbar aussehen, doch wer eines ihrer Live-Videos oder ihrer Konzerte gesehen hat, weiß, warum diese vier blutjungen Burschen als meistgehypte Band der britischen Insel gelten: Live verschmelzen Black Midi zu einer vierköpfigen, alles vernichtenden Math-Rock-Hydra, deren schwindelerregende Rhythmen und Gitarrengetänzel einen in Ehrfurcht erstarren lässt. Auf der Bühne stehen nur vier Menschen, doch die schiere Menge an Musik, die aus ihnen herauspoltert, scheint von mindestens doppelt so vielen gespielt. Auch diese Musik scheint unmöglich.

Die unmöglichste Musik der Welt

Black Midi sind aber alles andere als unerträglich. Gemeinsam mit dem Produzenten Dan Carey hat die Band den frenetischen Exzess ihrer Live-Konzerte auf ein Studioalbum namens „Schlagenheim“ gebannt, das eine unterschätzte Qualität dieser Gruppe demonstriert: ihre Eleganz. Wenn diese vier Musiker in Sekundenbruchteilen durch die Genres tanzen, erst so vernichtend wie Swans und dann so verspielt wie Battles klingen, wenn Simpson gleichzeitig wie Tony Allen groovt und wie John Stanier ballert, wenn Greeps Stimme sich so manisch überschlägt, dass man die pulsierende Adern auf der Stirn förmlich sehen kann, dann ist das alles ein bisschen wie Ballett.

Songs wie „Reggae“ (der so ziemlich nach allem klingt außer nach Reggae) oder „Speedway“ sind mit so vielen Ideen vollgestopft, dass sie eigentlich auseinander fallen müssten. Doch Black Midi lassen das alles leichtfüßig wirken. Solche akrobatische, martialische Musik elegant wirken zu lassen, das ist ihr größtes Kunststück. Das muss man hören, um es zu glauben. Ansonsten wirkt das einfach nur unmöglich.

Veröffentlichung: 21. Juni 2019
Label: Rough Trade

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