King Krule – „The Ooz“ (Album der Woche)

The Ooz von King KruleKing Krule – „The Ooz“ (XL Recordings)

Archy Ivan Marshall – besser bekannt unter dem Namen King Krule – beschreibt seine neue Platte als ein Album „über Ohrenschmalz und Schnodder und Körperflüssigkeiten und Hautfetzen und all den Kram, der täglich von unseren Körpern abgestoßen wird.“ Guten Appetit! „The Ooz“ – englisch für Schlamm oder Modder – ist tatsächlich kein besonders leicht verdauliches Werk geworden: Es ist 19 Songs und 66 Minuten schwer, riecht an jeder Ecke nach Rauch und Schweiß und erinnert dabei oftmals an einen schizophrenen Fiebertraum. Doch der britische Jazz-Rap-Post-Punk-Hybridkünstler gewinnt in bester Bukowski-Tradition der ganzen Schäbigkeit einen unwiderstehlichen Charme ab – und erreicht auf seinem hoch ambitionierten Zweitwerk ungeahnte Höhen.

„The Ooz“ klingt wie ein verstrahlter Spaziergang durch die aufregenden Viertel von Marshalls Heimat Süd-London, orchestriert von Angelo Badalamenti: Die Gitarren und Rhodes-Pianos vibrieren wie im Traum durch die Instrumentals, die Streicher bilden nervöse Klangsphären, die Beats stolpern beschwipst – und unter allem groovt bedrohlich der Bass. King Krules musikalisches London wirkt, als hätte David Lynch Mike Skinners Version der britischen Hauptstadt abgefilmt: Pechschwarz, voller schräger Typen, hoch gefährlich und gleichzeitig wunderschön.

Während Marshall auf seinem Debüt „6 Feet Beneath The Moon“ die HörerInnen mit seinem rauen Gesang noch direkt angespuckt hat, eröffnet er mit seinem Organ auf dem Nachfolger ganz neue Dimensionen: Im verrauchten „Logos“ gibt er mit tiefer, kehliger Stimme den Geschichtenerzähler, während das gruselig windschiefe „Lonely Blue“ mit schräger Lebensmüdigkeit gesungen wird. In der manischen Vorabsingle „Half Man Half Shark“ macht Marshall der Intensität des jungen Nick Cave Konkurrenz. Und in der verschlafenen Ballade „Slush Puppy“ wechselt er innerhalb von Sekundenbruchteilen zwischen Falsett-Crooning und nervös-zitterndem Gebelle – und offenbart dabei eine überrumpelnd intime Verletzlichkeit. Kaum zu glauben, dass der Mann hinter dieser Stimme und diesen Texten junger Millenial ist – Marshall klingt mit seinen 23 Lenzen lebenserfahrener als viele Baby-Boomer.

Zum Ende dieses melancholischen Fiebertraums findet King Krule über den Dächern der Stadt doch noch so etwas wie Romantik: „Well I was raised to the moon, just to hold a gaze with you / Cross the other side, it won’t be long till you’re inside / Till you’re inside my heart“. Marshall findet die Poesie im Schlamm – und liefert dabei eines der aufregendsten Alben des Jahres ab.

Veröffentlichung: 13. Oktober 2017
Label: XL Recordings

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