Sofia Kourtesis – „Madres“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Madres“ von Sofia Kourtesis, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Sofia Kourtesis – „Madres“ (Ninja Tune)

House war schon immer hoffnungsvolle Musik. Frankie Knuckles, der „Godfather Of House“ und Resident-DJ des in den frühen 80er-Jahren stilprägenden Chicagoer Clubs Warehouse, beschrieb seinen Dancefloor als eine „Kirche für in Ungnade gefallene Menschen“. Ein Rückzugsort für Schwarze, homosexuelle, von der Gesellschaft verstoßene US-Amerikaner*innen, die in den frühen Tagen des Genres einen Großteil des Publikums ausmachten. Die inklusive Natur des House ist bis heute intakt, vom Peace-&-Love-Rave der 90er-Jahre bis zu Beyoncés Blockbuster „Renaissance“, der sich vor LGBTQ+-Ikonen verneigt. Egal ob AIDS-Epidemie, Wirtschaftskrise oder strukturelle Unterdrückung von Minderheiten: Im House galt und gilt es, Zusammenhalt zu feiern und Hoffnung zu versprühen. Zu tanzen und zu lieben.

Kein Wunder, dass sich Sofia Kourtesis zu dieser Musik so hingezogen fühlt. Im Alter von 17 Jahren verließ die peruanische Produzentin und DJ ihre Heimat Lima. Der Grund: Sie wurde dabei erwischt, wie sie ein Mädchen küsste. Aus ihrer Schule wurde sie verwiesen – und zu einem Priester geschickt, um Abbitte zu leisten. Mittlerweile lebt sie in Berlin, inmitten einer modernen, queeren House- und Electronica-Szene. Ihre 2021er EP „Fresia Magdalena“ war ein wahrer Smash-Hit, dessen warm groovende Singles „La Perla“ und „By Your Side“ sie an die Spitze eben jener Szene katapultierten. Ihr „Motor“ mag „deutsch sein“, wie sie selbst sagt, doch ihr Herz ist immer noch in und mit Lateinamerika – wie ihr hoffnungsvolles Debütalbum „Madres“ demonstriert.

Hoffnungsvolles Traumtanzen

So sampelt Kourtesis in der Single „Estacíon Esperanza“ nicht nur eine Hookline des Folk-Punk-Poeten Manu Chao, sondern gleich drei von ihr auf den Straßen Perus aufgenommene Protestgesänge. Einen gegen die strukturelle Benachteiligung indigener Bevölkerungsgruppen durch die Öl-Industrie. Einen gegen die unrechtmäßige Amtsenthebung des Präsidenten Martín Vizcarra. Und einer gegen die nachlässige Strafverfolgung bei Femiziden. Viele dieser Proteste wurden von Teenager*innen organisiert – und Kourtesis bewundert sie: „Sie gehen so viele Risiken ein und sind so mutig“, sagte sie in einem Interview. „Sie zeigen so offen, wer sie sind und was sie sein wollen.“ In Kourtesis‘ Song verstärkt sie diese Stimmen, lässt sie über Peru hinaus in die ganze Welt schallen. „Wenn ich das nicht tun würde, wäre ich eine Heuchlerin“, sagt sie.

Über diese explizit politischen Passagen hinaus handelt es sich bei „Madres“ aber nicht um eine wütende Protest-Platte. Stattdessen ist es eine warme, in bester House-Tradition verbindende LP geworden. Kourtesis‘ House-Electronica-Pop erinnert mit seinen verhallt um die Four-to-the-floor-Bassdrum tänzelnden Samples an die Tracks von DJ Koze oder Robag Wruhme. Im eröffnenden Titelsong sind es weit entfernte La-La-Las und eine an Dreampop erinnernde, von Kourtesis gesungenge Hookline. In „Vajkoczy“ und „Funkhaus“ sind es Piano- und Kalimba-Geklimper. Das beatlose „Moving Houses“ hält für fünf Ambient-Pop-Minuten die Zeit an. Selbst die am straightesten auf den Dancefloor zielenden Stücke, wie „Si Te Portas Bonito“ oder „Cecilia“ laden genauso sehr zum Träumen wie zum Tanzen ein. Kourtesis will gleichzeitig aufrütteln und umarmen – und schafft das mit ihren Tracks erstaunlich gut.

Alle Mütter* dieser Welt

Kommen wir nun zum Titel des Album, spanisch für „Mütter“. Kourtesis‘ Mutter lag 2021 mit Krebs im fortgeschrittenem Stadium im Krankenhaus. Die Ärzt*innen gaben ihr nur noch wenige Wochen – doch Kourtesis gab die Hoffnung nicht auf. Die LP widmete sie dem Neurochirurgen, der wider Erwartung das Leben ihrer heute mit ihr in Berlin lebenden Mutter rettete. Doch „Madres“ gilt nicht nur ihm, sondern allen „Müttern“: Sie widmet es, geschlechtsneutral, „meiner Mutter, ihrer Mutter, meinen Schwestern, die Mütter sind, meinen Brüdern, die Mütter sind, und all den LGBTQIA+-Personen, die Mütter für ihre Gemeinschaften sind.“ Das sind die größten Bindeglieder von „Madres“: Zusammenhalt und Hoffnung.

Veröffentlichung: 27. Oktober 2023
Label: Ninja Tune

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

Das könnte Dich auch interessieren:



Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.