The Smile – „Wall Of Eyes“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Wall Of Eyes“ von The Smile, das unser ByteFM Album der Woche ist.

The Smile – „Wall Of Eyes“ (XL Recordings)

Es muss ziemlich schwer sein, ein Radiohead-Album zu machen. Das suggeriert jedenfalls die schlichte Tatsache, dass zwischen den Albumveröffentlichungen immer einige Jahr ins Land ziehen. „A Moon Shaped Pool“, die aktuelle LP der britischen Art-Rock-Titanen, erschien 2016. Fünf Jahre nach ihrem Vorgänger „The King Of Limbs“. Besagtes „A Moon Shaped Pool“ war ein unglaublich dichter Klangozean, der in Sachen Melancholie seinesgleichen sucht. Es ist schon beeindruckend genug, dass die Band hinter Meilensteinen wie „OK Computer“ oder „Kid A“ ihr Qualitätslevel ziemlich stabil halten kann. Dahinter muss ziemlich viel Druck stecken.

Leichtfüßig aus der Komfortzone tänzeln

Ein The-Smile-Album hingegen muss ziemlich großen Spaß machen. Hier handelt es sich um ein Nebenprojekt zweier Radioheads: Sänger und Songwriter Thom Yorke und Gitarrist, Komponist und musikalischer Alleskönner Jonny Greenwood, ergänzt vom UK-Jazz-Drummer Tom Skinner (Sons Of Kemet). Diese Band hat gerade ihr zweites Album innerhalb von zwei Jahren veröffentlicht. „The numbers don’t decide“, sang Yorke noch auf „A Moon Shaped Pool“, doch im Falle von The Smile muss man sagen: Die Zahlen sprechen für sich.

„Wall Of Eyes“, ihre neue LP, klingt beim ersten Hören beinahe wie ein Radiohead-Album. Der Titeltrack eröffnet das Album mit warmen Akustikgitarren im windschiefen 10/8-Takt, begleitend von dem nervös flirrenden, patentierten Jonny-Greenwood-Streicher-Sound. Yorkes gewohnt geisterhafte Kopfstimme singt über hohle Augen und durch die Hände rinnenden Sand – kurzum: Alles Elemente, die problemlos auf „A Moon Shaped Pool“ passen würden. Normalerweise sind Yorkes und Greenwoods Soloprojekte weiter entfernt von ihrem gemeinsamen Sound, man denke an Yorkes clubtaugliches Soloalbum „Tomorrow’s Modern Boxes“ oder Greenwoods Raga-Experiment „Junun“. Auch „A Light For Attracting Attention“, das 2022 veröffentlichte Debüt von The Smile, setzte sich mit seinem groovy Post-Punk-Sound (der stellenweise sogar an Khruangbin erinnerte) stärker von Radiohead ab. Doch hier, auf „Wall Of Eyes“, befinden sie sich zunächst komplett in ihrer Komfortzone.

Ein Lächeln von Thom Yorke

Das ist natürlich eine Finte. Denn im Verlauf der weiteren sieben Songs wird ziemlich schnell deutlich, was die Arbeit an diesem Projekt so leicht macht. Ab Song Nr. zwei, „Teleharmonic“, geben sich Yorke, Greenwood und Skinner ganz dem Groove hin. Hier darf Letzterer mit seinen Jazz-Skills flexen und einen komplexen Rhythmusteppich ausbreiten, über den seine Mitmusiker leichtfüßig tänzeln. „Leichtfüßig“ ist generell die dominierende Stimmung von „Wall Of Eyes“: Die Bandmitglieder spielen mit verschiedenen Genres und scheinen einfach auszuprobieren, was gerade Spaß macht. Ein gutes Beispiel ist der genussvoll-angepisste Vibe von „Read The Room“, in dem Yorke ausnahmsweise mal ein bisschen Humor im Text durchblitzen lässt. „Maybe I can’t be arsed“, singt er mit spürbarem Lächeln auf den Lippen. „These massive egos / So big they bend the light.“

Dann ist da der Piano-Rock von „Friend Of A Friend“, ein Stück, das auch von Billy Joel stammen könnte – wenn da nicht Greenwoods kollabierende Streicher-Wände wären. Und der größte Spaß passiert zum Ende der Lead-Single „Bending Hectic“: Nach sechs langen Minuten zartem Falsett-Crooning in sanfter Balladenstimmung ballern Yorke und Greenwood plötzlich im Full-on-Rockmodus los – und lassen ihre Gitarren so hemmungslos grungen wie seit dem Radiohead-Debüt „Pablo Honey“ nicht mehr. „Creep“-Fans, die von den experimentellen Ambitionen der Band damals abgeschreckt wurden, können 30 Jahre später endlich auf ihre Kosten kommen. Yorke und Greenwood hatten unter all ihrem spätkapitalistischen Weltschmerz immer schon Humor versteckt, doch so sehr wie auf „Wall Of Eyes“ blitzte er noch nie durch. Es ist auf jeden Fall eine große Freude, diesen Melancholie-Pop-Meistern beim Spaßhaben zuzuhören.

Veröffentlichung: 26. Januar 2024
Label: XL Recordings

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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