Tocotronic – „Wir kommen um uns zu beschweren“ (Album der Woche)

Bild des Albumcovers von „Wir kommen um uns zu beschweren“ von Tocotronic, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Tocotronic – „Wir kommen um uns zu beschweren“ (L’age d’or)

Da zum Jahresende traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, um zurückzublicken: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2021 ein Jubiläum gefeiert haben. In dieser Woche ist es „Wir kommen um uns zu beschweren“ von Tocotronic, das in diesem Jahr 25 Jahre alt geworden ist.

Wir schreiben das Jahr 1996 und Dirk von Lowtzow klingt müde. Also noch müder, als er auf den ersten beiden Platten seiner Band Tocotronic wirkte. Der im baden-württembergischen Offenburg geborene Sänger, Gitarrist und Songwriter war im Hype um seine Gruppe zum Klassensprecher der Hamburger Schule geworden – und das, wie es sich für die coolen Kids gehört, mit maximaler Schluffigkeit. Das Debüt „Digital ist besser“ und der Nachfolger „Nach der verlorenen Zeit“ waren bei all der performativen Langeweile in sich widersprüchliche Meisterwerke der deutschsprachigen Pop-Musik. Zu lakonisch und verkopft für Deutsch-Punk, zu trotzig und schroff für den neunmalklugen Slacker-Rock aus der Pavement-Schule – und für den Moment ganz genau richtig.

Doch direkt im ersten Refrain von „Wir kommen um uns zu beschweren“ klingt von Lowtzow so viel kaputter als je zuvor. Der Text macht das ganz unmissverständlich klar: „Jetzt geht wieder alles von vorne los“, singt er. Gefolgt von einem krächzend-ausgedehnten „Haaa Haaa Ha“.

Zu verkopft für Deutsch-Punk?

Musikalisch machen von Lowtzow, Bassist Jan Müller und Schlagzeuger Arne Zank im Verlauf dieser Platte nicht viel anders als zuvor. Mal verzerrte, mal leiernde Vier-Akkorde-Gitarren, an ihr klebende Bassläufe und beherzt rumpelndes Drumming. Hier und da mal eine kleine Orgel. Auf der Textebene wird wieder gegen Symbolbilder der alltäglichen Spießigkeit gewettert, vom Tennis bis zur Kleinkunst, unterbrochen von surrealen Vignetten und melancholischem Innehalten. In der langen Tocotronic-Diskografie hat „Wir kommen um uns zu beschweren“, ihr drittes Album in drei Jahren, eine einzigartige Position: Es zeigt eine Band kurz vor dem kreativen Ausbrennen – die genau in diesem Chaos einige ihrer absoluten Höhepunkte erschafft.

Von Lowtzows, Müllers und Zanks Antwort auf die kreative Stagnation? Auf „Wir kommen um uns zu beschweren“ finden sich sowohl einige der längsten als auch einige der kürzesten Tocotronic-Songs. Und gerade in den Miniatur-Songs dehnen sie ihre musikalische Erfolgsformel in interessante Richtungen. Rein musikalisch könnte sich der pop-punkige Eineinhalbminüter „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ relativ nahtlos auf ein frühes Die-Ärzte-Album einfügen, mit seinen abgedämpften Power-Chords und nach vorne pogendem Schlagzeug, wenn da nicht der gymnasiale Sturm und Drang des Textes wäre. Auch an anderen Ecken ließen Tocotronic so viel Punk wie noch nie zuvor zu, vom mit Hüsker-Dü’scher Energie vorpreschenden „Der Cousin“ bis zur fast schon Folk-Punk-Nummer „Die Sache mit der Team Dresch Platte“. Der Zeitlupen-Emo der in diesem Song zitierten Band findet seinen Weg in den Titeltrack oder auch das abschließende „Ich heirate eine Familie“.

Genussvoll auf der Stelle treten

Doch die größten Momente dieses Albums finden sich in den längsten, schwerfälligsten Stücken. In Songs wie „So jung kommen wir nicht mehr zusammen“, in dem Tocotronic für fast sechs glorreiche Minuten zu Neil Young & Crazy Horse mutieren. Das genussvolle Feedback-Gejaule, das von Lowtzow aus seinem Instrument prügelt, steht im starken Kontrast zur entwaffnend schlichten Melancholie des Textes. Ähnliches passiert in „Ich bin ganz sicher schon einmal hier gewesen“, das in einem an die frühen Dinosaur Jr. erinnernden Noise- und Rückkopplungsmeer endet.
Auch die trotzige Müdigkeit des bereits erwähnten „Jetzt geht wieder alles von vorne los“ mündet in einem schleppenden, über sich selbst stolperndes Gitarren-Solo. Apropos Müdigkeit: Klang ein Mensch jemals müder als von Lowtzow im Sieben-Minuten-Epos „Ich möchte irgendwas für Dich sein“? Dieser Song bekommt keine Noise-Katharsis spendiert, stattdessen blutet er langsam aus. Slow-Core könnte man das nennen, oder einfach maximal berührende Pop-Musik.

Schon auf ihrem nächsten Album „Es ist egal, aber“, erschienen 1997, sollten Tocotronic ihre große Weiterentwicklung einleiten, die sie über die abstrakten Werke „K.O.O.K.“ und das „Weiße Album“ zu den endgültigen Königen des zeitgenössischen Deutsch-Indies machen sollten. Doch 1996 traten sie für ein wundervolles Album lang auf der Stelle. Und das war genau richtig so. Wie von Lowtzow selber sang: „Ich werd‘ mich nie verändern / Und vielleicht werd‘ ich’s mal bereuen / Doch jetzt noch nicht.“

Veröffentlichung: 1. April 1996
Label: L’age d’or

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

2 Kommentare
  1. posted by
    efwe
    Jan 3, 2022 Reply

    Vielleicht haben die mitte der 90er auch ein bisschen zuviel gekifft? Soll ja vorgekommen sein.

  2. posted by
    Olaf
    Jan 6, 2022 Reply

    Sehr schöne Analyse. Auch wenn ich Tocotronic oft als „überinterpretiert“ empfinde, ist es hier sehr gut gelungen die Gründe für die Relevanz dieser Platte herauszuarbeiten. „Ich möchte irgendetwas für dich sein“ ist auf meiner (subjektiven) „Best-Songs-Of-All-Time“-Liste auf der 1

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