Dusty Springfield: „The White Queen Of Soul“ in sechs Songs

Foto von Dusty Springfield

Dusty Springfield

Dusty Springfield war eine Anomalie. Als DJs in den 60er-Jahren ihre Songs auflegten, ahnten sie meistens nicht, dass sie von einer weißen Londonerin gesungen wurden. Ihre rauchige Stimme, die in Sekundenbruchteilen zwischen sanftem Säuseln und triumphalem Sturm wechseln konnte, klang nach ungestümem Motown-Sound. Nach Aretha Franklin oder The Supremes und nicht nach britischer Eleganz. Dass weiße KünstlerInnen den lukrativen afroamerikanischen Soul nachahmten war nichts neues – doch niemand tat es so respektvoll und ebenbürtig wie Springfield.

Doch Springfield beherrschte nicht nur den Soul. Im Verlauf ihrer Karriere zeigte sie sich als wahres Chamäleon, das sowohl Rock‘n‘Roll und Jazz-Balladen als auch Disco und New Wave meistern konnte – allerdings mit wechselhaftem kommerziellen Erfolg. Egal in welchem Genre sie sich bewegte, Dusty Springfield blieb immer unverkennbar Dusty Springfield.

Auch außerhalb ihrer Songs war Springfield ein starker Charakter. Als sie am 2. März 1999 an Brustkrebs starb, hatte sie ein turbulentes Leben hinter sich, gefüllt mit unerreichten Höhepunkten und tiefen Stürzen. Sie war eine der ersten weiblichen Superstars, der seine Karriere selbstständig kontrollierte. Sie produzierte von Anfang an ihre eigenen Songs. Im Studio war sie eine Perfektionistin und Visionärin, im Privatleben ein Lebemensch. Auf ihren sehr drogen- und alkoholschwangeren Parties wurde oft mit Essen um sich geworfen – ein Umstand, der ihr gepaart mit ihrer Bisexualität, die sie offen auslebte, das Image einer „schwierigen Person“ einbrachte. Trotz Druck des Drucks von außen ließ sie sich bis zum Ende nicht verbiegen.

Am 16. April 2019 wäre Dusty Springfield 80 Jahre alt geworden. Wir haben ihre Karriere in sechs Songs porträtiert.

„Silver Threads And Golden Needles“ (1962)

Springfield wurde am 16. April 1939 als Mary Isobel Catherine Bernadette O’Brien in London geboren. Ihren Vornamen bekam sie im Teenageralter, da sie gerne mit den Nachbarsjungen Fußball spielte – und dementsprechend staubig nach Hause kam. Ihr Bruder und erster musikalischer Partner Tom nannte sich im jungen Alter in Springfield um. Dusty tat es ihm wenig später gleich. Gemeinsam mit dem Sänger und Gitarristen Tim Field gründeten sie 1960 das Folk-Trio The Springfields. Zwei Jahre später gelang ihnen mit „Silver Threads And Golden Needles“ ein Hit, mit dem sie als erster britischer Act überhaupt in die US-amerikanischen Billboard Charts einzogen – 15 Monate vor der großen „British Invasion“. An der Spitze ihrer dreistimmigen Gesangsharmonien: die etwas zurückgenommene und dennoch strahlende Stimme von Dusty. Im Verlauf ihrer Karriere sollte sie noch oft als Backgroundsängerin arbeiten (beispielsweise für Elton John) – doch bereits zum Start ihrer Laufbahn bewies sie, wie perfekt ihre Stimme sich in ein großes Ganzes einfügen konnte.

„I Just Don‘t Know What To Do With Myself“ (1964)

Doch lange sollte sie nicht mehr im Hintergrund singen. Ein Jahr nach „Silver Threads And Golden Needles“ lösten sich The Springfields auf, gleichzeitig begann Dusty ihre Solokarriere mit der Single „I Only Want To Be With You“. Es sollte ein weiteres Jahr vergehen, bis Springfield ihre Stimme fand. 1964 begann ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Songwriter Burt Bacharach – dessen Komposition „I Just Don‘t Know What To Do With Myself“ sie endgültig zum Star machte. Begleitet von einem melancholischen Orchester-Arrangement wächst ihre Stimme zu überlebensgroßer Statur an. Die Protagonistin des Liedes ist verzweifelt – doch Springfield klingt triumphal. Ein emotionaler Balanceakt, der seinesgleichen sucht.

„The Look Of Love“ (1967)

Drei Jahre später zeigte sich Springfield von einer anderen Seite: In „The Look Of Love“ singt sie über ein jazziges Bossa-Nova-Arrangement – und klingt dabei so vorsichtig, als würde sie auf Zehenspitzen stehen. Auch auf Sparflamme brodelt ihre Stimme vor Charisma gerade nur so über. Selbst wenn das Orchester laut wird, bleibt ihre Stimme leise und in voller Kontrolle, jede Silbe mit elektrischer Spannung aufgeladen. Kaum zu glauben, dass dieses subtile Glanzstück auf dem Soundtrack der albernen 1967er James-Bond-Parodie „Casino Royale“ erschien.

„Son Of A Preacher Man“ (1968)

Mit ihren Solo-Singles begann Springfield mit dem US-amerikanischen Soul-Sound zu flirten. Mit ihrem Ende der 60er-Jahre erschienenen Album „Dusty In Memphis“ umarmte sie ihn förmlich. Sie nahm es in den legendären American Sound Studios in Memphis auf – dem Ort, an dem schon ihr großes Idol Aretha Franklin aufgenommen hatte. „Dusty In Memphis“ wurde schließlich ihr Opus Magnum, ein triumphales Soul-Album, das sich mit den Größten des Genres messen konnte – und auch immer noch kann. Bezeichnend: Der Über-Hit „Son Of A Preacher Man“ wurde ursprünglich für Franklin geschrieben, doch Springfield machte ihn zu ihrem eigenen Song.

„That‘s The Kind Of Love I‘ve Got For You“ (1978)

„Dusty In Memphis“ war einerseits ein riesiger Erfolg – andererseits aber auch ein Fluch. Springfield verbrachte Jahre in seinem Schatten. Ein Mammutwerk, neben dem fast alle ihre nachfolgenden Alben verblassten. Zwischen 1973 und 1977 veröffentlichte sie so gut wie keine Musik, erst 1978 kehrte sie mit „It Begins Again“ zurück. Ein Album, auf dem sie sich von ihren Soul-Wurzeln Stück für Stück entfernte. Der beste Song des Albums zeigt sie von einer ganz neuen Seite: „That‘s The Kind Of Love I‘ve Got For You“ ist ein pfeilschneller Disco-Trip. Mit spielerischer Leichtigkeit fliegt Springfield durch die komplizierte Rhythmik – und wechselt dabei virtuos zwischen rauchiger Brust- und strahlender Kopf-Stimme. Ihre Neuerfindung als Disco-Diva brachte ihr ihren ersten kleinen Dance-Hit ein.

„What Have I Done To Deserve This“ (1987)

Doch der moderate Erfolg von „It Begins Again“ sollte nicht lange anhalten. Ende der 80er-Jahre verhalfen ihr jedoch zwei unerwartete Unterstützer zu einer zweiten Karriere: Neil Tennant und Chris Lowe, besser bekannt als Pet Shop Boys. Die britische Synth-Pop-Band zählte „Dusty In Memphis“ zu ihren absoluten Lieblingsplatten – und bat Springfield auf ihrem 1987er Album „Actually“ zum Duett. In „What Have I Done To Deserve This“ schmiegt sich ihre Stimme an Tennants Sprechgesang. Der Song wurde für beide Acts zu einem ihrer größten Hits – und ermöglichte Springfield eine Wiedergeburt als New-Wave-Ikone.

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