„Deeper And Deeper“: Madonna in sechs Songs

Madonna wird 60

Madonna (Foto: Universal Music)

Als Madonna 2015 im Interview mit dem Online-Magazin Pitchfork auf die immer noch existierende Doppelmoral der Musikindustrie gegenüber Künstlerinnen angesprochen wurde, hatte sie eine deutliche Antwort: „Es ist uns nicht erlaubt, gleichzeitig intelligent und sexy zu sein. Nichts hat sich verändert.“ Und die Frau weiß, wovon sie spricht, schließlich ist die US-amerikanische Sängerin, Songwriterin und Produzentin schon seit über dreißig Jahren Teil dieser Industrie.

Dabei ist die Musik von Madonna Louise Ciccone der beste Beweis dafür, dass Chart-Pop schlau, provokant und vielschichtig zugleich sein kann. Seit der Veröffentlichung ihrer ersten Single erweiterte sie stetig den Rahmen dessen, was in der Pop-Musik möglich sein kann – ohne sich darum zu scheren, was erlaubt ist. Am 16. August 2018 wird Madonna 60 Jahre alt. Wir haben den weltweit erfolgreichsten weiblichen Popstar in sechs Songs porträtiert.

„Everybody“ (1982)

Als Sire Records am 6. Oktober 1982 die erste Madonna-Single veröffentlichte, tat die Plattenfirma alles, um das Gesicht der Künstlerin zu verbergen. „Everybody“ klang mehr nach dem elektrischen R&B der frühen 80er-Jahre als nach weißem Disco-Pop, weswegen das Label versuchte, den Song an ein afroamerikanisches Publikum zu vermarkten – was mit dem Antlitz einer weißen Sängerin nicht besonders einfach war. Das Cover ziert darum eine Collage mit Szenen aus Downtown New York, ein Video, in dem die Sängerin zu sehen war, folgte erst später. Doch „Everybody“ ist mehr als nur R&B-Whitewashing. „Everybody get up and do your thing“, singt sie im Refrain, sowohl eine Aufforderung zum Tanz als auch eine frühe Version ihres wichtigsten künstlerischen Grundsatzes: Musik überwindet alle Grenzen, ob zwischen Geschlechtern, Sexualitäten oder Hautfarben. Der Song wurde sowohl in den weißen als auch in den afroamerikanischen Charts zu einem beachtlichen Hit, wenige Monate später erschien er auf ihrem Debütalbum. Auf dem Cover: ein Porträt von Madonna. Ein Gesicht, dass die Welt so schnell nicht vergessen sollte.

„Material Girl“ (1984)

Madonnas zweites Album zementierte ihren Status als Superstar, der mehr zu singen hatte als nur eindimensionale Lovesongs. „Like A Virgin“, veröffentlicht zwei Jahre nach „Everybody“, war ihre erste Nr.1-Platte, mit gleich drei erfolgreichen Singles. Während der Titeltrack mit seiner sexuellen Doppeldeutigkeit provozierte, war es der Song „Material Girl“, der Madonna als spitzfindige Satirikerin zeigte. „Only boys who save their pennies / Make my rainy day“, singt sie in schriller Stimme über die damals hochmoderne digitale Dance-Pop-Produktion von Nile Rodgers. Ein perfekter, ironischer Soundtrack zu den den Kapitalismus verherrlichenden 80er-Jahren.

„Like A Prayer“ (1989)

Wenn „Like A Virgin“ schon die Wut christlicher FundamentalistInnen entflammte, dann kann man sich vorstellen, was „Like A Prayer“ für eine Reaktion auf sich zog. Gemeinsam mit dem heute ikonischen Musikvideo trieb Madonna die Provokation auf die Spitze: Brennende Kreuze, ein schwarzer Jesus, Polizeigewalt und Zeilen wie „When you call my name / It’s like a little prayer / I’m down on my knees / I wanna take you there.“ Ein Song, in dem nicht klar ist, wo das Gebet aufhört und der Oral-Sex anfängt. Kein Wunder, dass er mit E-Gitarren-Gegniedel vom ewigen Meister des Innuendos beginnt: Prince. Auch wenn viele diesen Song boykottierten – gehört haben ihn alle.

„Deeper And Deeper“ (1992)

„Ich glaube nicht, dass Sex etwas Böses ist. Ich glaube das Problem ist, dass jeder so verklemmt ist, dass es zu etwas Bösem gemacht wurde.“ So philosophierte Madonna über die skandalösen Reaktionen auf „Sex“, ihrem Bildband, der sie und andere KünstlerInnen nackt oder in Lack und Leder zeigte. „Wenn mehr Leute frei darüber reden würden, dann gäbe es mehr Verhütung, dann würden Leute aufhören, sich gegenseitig zu missbrauchen.“ Gleichzeitig zu „Sex“ veröffentlichte sie ihr fünftes Studioalbum „Erotica“, mit Songs wie „Deeper And Deeper“, bei denen eigentlich gar nicht mehr von Doppeldeutigkeit gesprochen werden kann. Sowohl auf „Erotica“ als auch in dem Bildband zeigte sich Madonna der Welt auf mehreren Ebenen unverhüllt. Eine der ersten Pop-Blockbuster-Platten, auf der sexuelles Verlangen unverschleiert zelebriert und nicht verteufelt wurde.

„Mer Girl“ (1998)

Nach dem chartsfreundlichen Dance-Pop ihrer vorherigen Platten war es 1998 Zeit für eine Weiterentwicklung. Gemeinsam mit dem britischen Produzenten William Orbit schuf Madonna „Ray Of Light“, ihr bis dato abenteuerlichstes Album, auf dem sie den Electronica- und Trip-Hop-Sound der späten 90er-Jahre umarmte. Hier finden sich sowohl strahlende Techno-Pop-Hymnen wie der Titeltrack als auch lushe Downtempo-Tracks. „Mer Girl“ gehört zur letzten Kategorie. Weiche Klangflächen treffen auf sanfte Dissonanz. Ein warmes Grundgerüst, über dem Madonna mit überraschend brutalen Worten den Tod ihrer Mutter verarbeitet. „And I smelled her burning flesh / Her rotting bones / Her decay“, heißt es in der Bridge. Ein Song, der sich auch nahtlos in ein Björk-Album einfügen könnte.

„Joan Of Arc“ (2015)

Sowohl die provokativen Höhen von „Erotica“ als auch die experimentellen von „Ray Of Light“ sollte Madonna in den folgenden Jahren nicht mehr erreichen. Doch auch in ihren Post-2000er-Alben lässt sie hier und da ihr Talent für transzendentale Pop-Musik aufblitzen. So reflektiert der damals 56-jährige Superstar auf „Joan Of Arc“, einem der Schlüsselsongs ihres 13. Albums „Rebel Heart“, über die Folgen des Ruhms. „Each time they take a photograph / I lose a part I can’t get back“. Zeilen, die von einer Künstlerin, die für ihr Aussehen und Auftreten oft verurteilt wurde, ziemlich unter die Haut gehen.

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