Algiers – „There Is No Year“ (Rezension)

Cover des Albums „There Is No Year“ von Algiers

Algiers – „There Is No Year“ (Matador)

7,9

Algiers sind wütend. Das ist im Post-Punk nichts besonders. Wut und Verzweiflung waren schon immer einer der wichtigsten Antriebsmotoren des Genres, von Gang Of Four bis zu Die Nerven. Was das Quartett aus Atlanta von seinen MitstreiterInnen absetzt, sind seine Waffen. Ein Algiers-Song basiert selten auf einem Gitarren-Riff oder einem Bassmotiv. Ein Algiers-Song basiert meist auf einem kaputten Sound, wie dem Knarzen eines alten Synthesizers. Oder das metallische Scheppern eines 808-Drumcomputers. Das unmenschliche Heulen einer übersteuerten Gitarre. Dann legt die Band los, türmt weitere kaputte Klänge aufeinander auf und fährt den Wagen mit massigen Breakbeats gegen die Wand. Das Ergebnis: eine spektakuläre Explosion.

Über diese schnarrenden, knurrenden, peitschenden Sound-Ungetüme legt sich dann die Stimme von Franklin James Fisher. Der shoutet nicht wie ein gewöhnlicher Punk-Sänger, sondern thront mit mächtigem Gospelgesang über der Musik. Er schleudert seine wütenden Worte mit der Macht eines Priesters, der die nahende Apokalypse verkündet. Sein Ende der Welt ist aber deutlich greifbarer als das, was man im Gotteshaus zu hören bekommt. Seine Apokalypse findet im Alltag statt, in der Realität: rassistisch motivierte Polizeigewalt, Faschismus, Intoleranz, Repression in jeder Form. Sein Ende der Welt wird nicht kommen, es ist schon da.

Unnachgiebig ins Trommelfell treten

Diesen Endzeit-Post-Punk-Industrial-Gospel haben Algiers bereits auf ihrem letzten Album, „The Underside Of Power“ perfektioniert. „There Is No Year“, ihre dritte Studio-LP, knüpft nahtlos daran an. „It‘s two minutes to midnight“, heult Fisher in den ersten zehn Sekunden des eröffnenden Titeltracks – und die Synthesizer-Sirenen im Hintergrund machen klar, dass er damit nicht die Uhrzeit meint. Er ist umringt von Feinden und wird auseinandergerissen, singt er. Ex-Bloc-Party-Drummer Matt Tong übersetzt die Paranoia in einen Beat, der unnachgiebig ins Trommelfell tritt.

Der nächste Song „Disposession“ ist dystopischer R&B, der theoretisch auch ein catchy Soul-Song sein könnte – wenn da nicht die martialischen Sägezahn-Synthesizer wären. Algiers verstecken in ihrem Dreck gerne eingängige Pop-Melodien – was die finalen Noise-Massaker noch hinterlistiger macht. „Unoccupied“ klingt wie ein Bruno-Mars-Song aus der Hölle. Hätte Quincy Jones beim Abmischen eines Michael-Jackson-Tracks zu viel Acid genommen, das Ergebnis klänge womöglich wie „Chaka“.

In der zweiten Hälfte des Albums schaltet die Band ein paar Gänge herunter, lässt etwas Raum zum Atmen. Der ist bitter nötig, denn die ersten Tracks bauen einen ziemlich großen Druck auf. Und auch die Ruhe am Ende ist nur trügerisch, denn spätestens beim Abschluss „Nothing Bloomed“ regiert wieder der Noise. Diese Musik macht nicht immer Spaß, ihr Lärm fühlt sich manchmal wie ein großer erhobener Zeigefinger an. Doch genau das scheinen Algiers zu wollen. Sie sind nicht einfach wütend, um wütend zu sein – sie wollen aufrütteln, ermahnen, aufwecken. Und wach ist man am Ende von „There Is No Year“ auf jeden Fall.

Veröffentlichung: 17. Januar 2020
Label: Matador

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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