Dakota Suite & Emanuele Errante – „The North Green Down“ (Rezension)

Cover des Albums The North Green Down von Dakota Suite & Emanuele ErranteDakota Suite & Emanuele Errante – „The North Green Down“ (Karaoke Kalk)

8,2

Etwas hat sich geändert. Mit der Vinyl-Wiederveröffentlichung der Platte „The North Green Down“ von Dakota Suite (Chris Hooson) und Emanuele Errante, die zuerst 2010 auf dem Label Lidar erschienen ist, wird einem bewusst, wie frisch diese Art Musik vor einigen Jahren noch geklungen hat, wie unformatiert und trotz aller wohltönenden Klänge auch immer leicht angeraut. Mit den vielen Veröffentlichungen eines Nils Frahm, eines Ólafur Arnalds, einer Poppy Ackroyd, eines Max Richter, einer Christina Vantzou, einer Rachel Grimes und wie die sanften Tastenanschläger und weichen Streicherspieler nicht alle heißen, hat sich so etwas wie ein Kanon der einschmeichelnden Klänge etabliert, der es mit dem Soundtrack zum Film „The Revenant“ von Ryūichi Sakamoto, Alva Noto und Bryce Dessner (The National) sogar fast zu einer Oscar-Nominierung geschafft hat. Einige der Genannten versuchen diesem Kanon inzwischen auf unterschiedliche Weise zu entfliehen, aber das ist eine andere Geschichte.

Das Erstaunliche ist, dass „The North Green Down“ immer noch genauso unerforscht und unverbraucht klingt wie damals und wie man es sich von so manchen aktuellen Veröffentlichungen zuweilen wünscht. Das liegt nicht am Rauschen, das die verlorenen Klaviermelodien umschwirrt, nicht am Hall, der auf den Cello-Passagen liegt, und nicht an den Field Recordings, die die losen Gitarrenklänge miteinander verweben. Das alles ist im Bereich der inzwischen Neo Classic genannten Musik mittlerweile Standard. Es ist vielmehr die Gleichzeitigkeit der Schwere des Themas Tod, die der Anlass für die Aufnahmen war, und die Leichtigkeit der Virtuosität, die dieses Doppelalbum so besonders macht und ihm so viel Kraft verleiht.

Im August 2009 verbrachte Chris Hooson zusammen mit seiner Frau einen letzten Urlaub mit seiner an Krebs erkrankten Schwägerin in Southwold in Suffolk an der englischen Nordseeküste. „Every step we took represented a small death“, schreibt er dazu in den Liner Notes. Dabei entstanden aber auch die ersten Ideen für die Stücke auf „The North Green Down“, und wenn die Musik des in Leeds lebenden Musikers, Sozialarbeiters und Bewährungshelfers noch nie von Heiterkeit geprägt war, so liegt auf den 19 Instrumentals dieser Platte noch einmal eine Extraportion Schwermut. Aber eben auch Klarheit, Schnörkellosigkeit, ja, Schönheit. Wie sich das unfassbar vorzügliche Cello-Spiel des damals fast 70-jährigen US-Amerikaners David Darling immer wieder zu neuen, unerwarteten Höhen aufschwingt, wie die ambienten Drones des Italieners Emanuele Errante dem Ganzen einen Halt geben und wie die wunderbaren Piano-Töne und Gitarrenklänge sich immer wieder irgendwo im Nichts verlieren, ist einfach wunderschön und ergreifend.

Label: Karaoke Kalk

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