Kaina – „It Was A Home“ (Rezension)

Bild des Albumcovers von „It Was A Home“ von Kaina

Kaina – „It Was A Home“ (City Slang)

7,0

Wie eine herzliche, ganz feste Umarmung – genauso fühlt sich das neue Album der Neo-Soul-Sängerin Kaina aus Chicago für seine Hörer*innen an. „It Was A Home“ ist der Titel des Zweitlingswerks der US-Amerikanerin mit guatemaltekisch sowie venezolanischen Wurzeln. Und das lässt bereits erahnen: Themen wie Herkunft und „Home“ lassen sich für die Musikerin gar nicht so leicht an einem Ort festmachen. Lange plagten sie Identitätsfragen und das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Doch genau diese negativen Emotionen lässt Kaina auf dem Longplayer nun hinter sich und versprüht ein wohlwollendes, lebensbejahendes Gemeinschaftsgefühl. Das durch und durch optimistische, leuchtende Werk ist die kunstgewordene Befreiung von Lasten sowie Motivation, uneingeschränkt den eigenen Weg zu gehen.

Und dieser führt Kaina zu einem unaufdringlich plätschernden Feel-Good Soul- und R&B-Sound, der trotz breiter synthetischer Klangflächen und elektronisch erzeugter Musik einen geerdeten Retro-Charme hat. Auffällig für ihre Songs ist immer wieder, wie organisch sich die Stücke scheinbar Zeit zur Entfaltung von atmosphärischer und experimenteller Klangkunst nehmen. Das Tempo ist dabei immer etwas langsamer als bei den meisten R&B-Künstler*innen, wodurch auch vertraute Rhythmen, zum Beispiel aus dem Latin-Bereich, auf einmal ganz neue Qualitäten gewinnen können.

Wir sitzen alle im selben Boot

Mit „Apple“ und „Anybody Can Be In Love“ haben die vorausgegangenen Singleauskopplungen bereits die Bandbreite an Stimmungen und Klängen erahnen lassen, die auf „It Was A Home“ vertreten sind. Ersterer kommt als Uptempo-Track und mit Lines wie „Apple on a tree / I wanna be that sweet / Do you have some extra sugar I could keep?“ auf dem sonst eher gedämpften Album sehr dynamisch, fast schon frech daher. Und lässt sogar ASMR-Fans auf ihre Kosten kommen. Denn ganz der Thematik verfallen, wird der Song von knackigen Apfel-Abbeiss-Sounds gespickt, und dabei bleibt es nicht: Auch das Stevie-Wonder-Cover „Come Back As A Flower“ experimentiert soundtechnisch mit detaillierten Naturtönen und beruhigendem Vogelzwitschern. Auf inhaltlicher Ebene erzählt die Sängerin in „Apple“ auf ganz charmante Art von den Schwierigkeiten, sich selbst voll und ganz zu akzeptieren, wie sie ist. Beispielhaft für das gesamte Werk wird eine eigentlich betrübende Sache auf vollkommen positive Weise aufgerollt – was den Hörer*innen das beruhigende Gefühl von „Wir-sind-alle-im-selben-Boot-und-haben-mit-denselben-Problemen-zu-kämpfen“ verleiht. „Anybody Can Be In Love“ hingegen ist wesentlich typischer für das Werk und lässt mit dem geschmeidigen, weichen Gesang Kainas einen sonnig-wärmenden entspannten Vibe entstehen, der über die gesamte Album-Hördauer von knapp 42 Minuten anhält.

Doch trotz harmonischer Grundstimmung bleibt der Sound durch die große Variation in den einzelnen Stücken sehr kurzweilig. Da wäre der im Vergleich sehr nach vorne gehende Track „Casita“, auf dem die US-Amerikanerin begleitet von überschwänglichen Bläsern ins Spanische wechselt. Auf „Ultraviolet“ sorgt sie gemeinsam mit den Feature-Gästen Sleater-Kinney für einen verzerrten Gitarrensound, der auf „Friend Of Mine“ wiederum von mächtigen Streichern und Chören abgelöst wird. Letzterer Track zeigt auch Kaina selbst von einer bis dato unbekannten Seite, indem sie sich selbst gegenüber fast schon fordernd auftritt, endlich dem eigenen Rat zu folgen.

Und auch wenn sie an manchen Stellen noch mit sich zu kämpfen hat: Kaina zeigt sich auf „It Was A Home“ um einiges selbstbewusster als noch auf ihrem Debütalbum „Next To The Sun“. Sie hat sich dafür entschieden, ihren eigenen Weg zu gehen und motiviert durch den neuen Longplayer in ihrem unbändigen Optimismus und scheinbar gottgegebener Zuversicht ganz sicher auch einige ihrer Hörer*innen, es ihr gleichzutun. Besonders diejenigen, die wie sie zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen aufgewachsen sind.

Veröffentlichung: 4. März 2022
Label: City Slang

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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