Grian Chatten – „Chaos For The Fly“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Chaos For The Fly“ vonGrian Chatten, das unser Album der Woche ist

Grian Chatten – „Chaos For The Fly“ (Partisan Records)

„Die ultimative Unterhaltung“ – das ist es, was Bob’s Casino im irischen Küstenort Skerries auf seiner Website verspricht. Das ca. 30 km nördlich von Dublin gelegene Kasino kombiniert Glücksspiel mit Outdoor-Parks und „anderen familienfreundlichen Aktivitäten“. Die Kinder dürfen am steinigen Strand der irischen Ost-Küste herumtollen, während die Eltern die Ersparnisse aufs Spiel setzen. Spätkapitalistische Dystopie für die ganze Familie.

Genau dieser Ort ist der Ausgangspunkt für „Chaos For The Fly“, das neue Album von Grian Chatten. Bei einem Spaziergang am Stoney Beach, vorbei an besagtem Kasino, flogen dem Sänger der irischen Post-Punk-Formation Fontaines D.C. direkt Texte, Akkordfolgen und Themen zu. Genug, um eine ganze erste Solo-LP zu füllen. Warum unbedingt solo könnte man sich bei dem Sänger einer seit vier Jahren durchweg gefeierten Band fragen. Chatten schwebte eine ganz genaue Vision vor, die er nicht mit einer basisdemokratisch geführten Gruppe umsetzen wollte. Nur mit Gitarre und Stammproduzent Dan Carey ging er ins Studio, um einige der deprimierendsten und schönsten Songs seiner Karriere zu realisieren.

Fontaines D.C. versteckten schon immer ein folkiges Herz unter ihrem Post-Punk-Geschrammel. Man erinnere sich an „Dublin City Sky“, den Abschluss ihres Debüts „Dogrel“. Wer nun denkt, dass es sich bei „Chaos For The Fly“ um Chattens Version eines Singer-Songwriter-Albums handelt, hat nur zum Teil recht. Die Akustikgitarre mag das dominante Instrument des Albums sein, doch Chatten und Carey schmücken die Folk-Song-Skelette mit allerlei interessanten und oftmals wunderschönen Arrangements aus.

Zwischen Melancholie und Misanthropie

Das Ergebnis erinnert mit seinem verschleppten Drumcomputer, Streichern und Trompeten sehr an den Melancholie-Pop von Damon Albarns Supergroup The Good, The Bad & The Queen. Der Opener „The Score“ ist strukturell sogar nahezu identisch mit deren eigenem Album-Opener „History Song“ – und der meisterhaft stolpernde Beat von „Last Time Every Time Forever“ hätte auch von Tony Allen stammen können. Und auch die traurige Ruhe in der Stimme Chattens erinnert oft an die von Albarn. Doch Grian Chatten hat genug eigene Asse im Ärmel. In „Fairlies“ treffen stürmische Streicher auf rumpelndes Folk-Rock-Geschrammel. „East Coast Bed“ ist verträumter Blue-Eyed-Soul. Und das abschließende „Season For Pain“ ist ein Songwriting-Triumph, als Folk-Ballade beginnend, in ein Garage-Rock-Riff mutierend und im Dub-Groove endend.

Doch was an Chattens Musik am meisten hervorsticht, sind seine Texte. Seine Kitchen-Sink-Dramen sind auf „Chaos For The Fly“ noch düsterer als zuvor. Das Album ist bis zum Rand gefüllt mit Verlierer*innen, Verlassenen und anderen gescheiterten Figuren. Alles mündet in „All Of The People“: „People are scum“, croont er hier über wehmütige Streicher und warme Piano-Akkorde – und lässt die Misanthropie nur so aus sich herausfließen. „Don’t let anyone tell you that they wanna be your friend / They just wanna get close enough to take the final shot.“ Dieser Menschenhass ist aber nur temporär. „It’s a poor man’s game / This serious life“, singt er in „Bob’s Casino“. Der titelgebende Ort mag deprimierend sein, genau wie die Songs dieses Albums. Doch am Ende siegt bei Chatten immer die Empathie. Wer genau ins Zentrum dieser bitteren Musik schaut, kann große Menschlichkeit erkennen.

Veröffentlichung: 30. Juni 2023
Label: Partisan Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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