Maurice Summen – „PayPalPop“ (Album der Woche)

Bild des Albumcovers von „PayPalPop“ von Maurice Summen, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Maurice Summen – „PayPalPop“ (Staatsakt)

Ethischer Konsum im Kapitalismus – gibt es ihn? Die lange Antwort liefert die nächstgelegene Buchhandlung. Die kurze Antwort: Nein. Doch gibt es noch eine dritte, mittellange Antwort? Eine etwa 42 Minuten und 15 Songs andauernde? Ja! Und sie kommt in Form von „PayPalPop“, dem Solodebüt von Maurice Summen.

Diese LP ein Debüt zu nennen, ist erst einmal semantische Haarspalterei: Der Berliner Musiker und Staatsakt-Labelchef singt schon seit fast 20 Jahren in der Diskurs-Pop-Institution Die Türen – und hatte zuletzt vor vier Jahren ein Soloalbum veröffentlicht, damals aber unter dem Namen Maurice & Die Familie Summen. Auf „Bmerica“ spielte er eine deutschsprachige Version des von Parliament und Funkadelic etablierten P-Funk. Dieses Konzept (D-Funk? B-Funk?) sorgt in der Theorie für Cringe-Schauer, bei denen sich die Nackenhaare aufstellen. Doch in der Praxis war dieses Album ganz großartig. Es war eine im wahrsten Sinne teuer klingende LP: Der Sound war ein heutzutage nur kostspielig reproduzierbarer Analog-Klang, jeder Bass-Slap, jede Bläser-Fanfare, jede knusprige Snare eine aufwändige Liebeserklärung.

Im Vergleich dazu klingt „PayPalPop“, Summens erste unter Klarnamen veröffentliche LP, ziemlich günstig, was den Produktionsprozess angeht. Das ist aber ein gewolltes Feature und keineswegs ein Bug. „Bmerica“ war eine kollaborative Angelegenheit, von mehreren Menschen zeitgleich im selben Raum erschaffen. Das Konzept „mehrere Menschen im selben Raum“ gestaltete sich im vergangenen Jahr als schwierig bis lebensbedrohend, dementsprechend musste ein anderer Weg her. Nun singt Summen auf „PayPalPop“ über von elf auf dem ganzen Globus verteilten Produzent*innen geschmiedete Instrumentals. Und jetzt kommen wir zum ethischen Konsum: Das Budget für dieses Beat-Shopping betrug laut eigener Aussage 1.000 Euro. Man muss kein*e Medien-Ökonom*in sein, um zu ahnen, dass das eine, gemessen an der Menge der Tracks, lächerlich geringe Summe ist.

Von ethischem Konsum und Geister-Produzent*innen

Wie kann das funktionieren? In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich im Internet ein gigantisches Netzwerk an Ghost-Produzent*innen entwickelt, die in ewiger Konkurrenz mit der eigenen Community Instrumentals zu Dumping-Preisen verkaufen. Ohne dabei Anrechte auf Urheberschaft zu vertreten, daher das „Ghost“. Neben den schlechten Arbeitsbedingungen sorgt auch dieser Umstand für Ungerechtigkeit: 2019 schrieb der US-Rap-Newcomer Lil Nas X mit seiner Debütsingle „Old Town Road“ Billboard-Chart-Geschichte (19 Wochen Nr. 1!). Das Instrumental kaufte der Teenager von einem obskuren niederländischen Produzenten. Der Preis: 30 Dollar.

Summen betreibt hier mehr als kostengünstiges, Corona-konformes Outsourcing. Die Welt der Ghost-Produzent*innen ist ein von der Musik-Presse gerne übersehenes Thema – und Summen rückt es hier, auf diesem medienkritischen Album, in den Mittelpunkt. Dabei hilft, dass die Songs auch noch sehr gut geraten sind. Summens lakonisch vorgetragene Gesellschaftskritik ist auf „PayPalPop“ in Top-Form: Er singt über Doppelmoral im Bioladen („Organic“), nervende PKWs und ihre Besitzer*innen („Hey Autos!“ – mit der wunderbaren Hookline „Brumm Brumm Brumm“), Smartphone-Akku-Anxiety („Das Ladekabel“) und Tonträger-Fetischismus („Besoffen bei Discogs“). Dank der globalen Produzent*innen-Riege klingt das alles so bunt wie noch nie. Mit Trap-Drums versehene Afrobeats, digitaler Funk, Autotune-Synth-Pop, Dub – „PayPalPop“ ist ein stetig mutierendes Wesen, alle drei Minuten seine Form und sein Genre wechselnd. Die Instrumentals (deren Credits transparent im Booklet aufgelistet sind) sind genauso essentiell für „PayPalPop“. Die Autor*innen dieser Beats sind hier keine Geister, sondern die Stars.

Veröffentlichung: 14. Mai 2021
Label: Staatsakt

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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