Zum 70. Geburtstag: Jonathan Richman in fünf Songs

Foto des Musikers Jonathan Richman, der am 16. Mai 2021 70 Jahre alt wird

Eine „Old Soul“, die eine ganze Riege an Punk-Bands prägte: Jonathan Richman wird 70 Jahre alt (Foto: DrielyS)

Jonathan Richman besitzt keinen Computer. So viel verriet der US-Amerikaner 2015 in einem Interview mit dem Magazin Synthesis. Dort sagte der Musiker auch, dass er in seinem Nebenjob als Maurer auch möglichst auf Elektrowerkzeug verzichtet. Er benutzt gerne seine Hände und arbeitet am liebsten in totaler Stille. Er ist eine „Old Soul“. Und das war er schon als Teenager. Einer der ersten Songs, die er schrieb, hieß „Old World“. Der Song funktioniert nach dem bekannten Rock-’n’-Roll-Muster des missverstandenen Teenagers. Nur sind hier nicht die Eltern die Spießer, sondern Richman selbst, der sich in die 50er-Jahre zurücksehnt.

Ironischerweise prägte dieser der alten Welt nachtrauernde Künstler so stark wie wenige andere die Musik der Zukunft. Seine 1970 gegründete Band, The Modern Lovers, gilt als einflussreiche Proto-Punk-Formation, die mit ihrem ultimativ schrammeligen Debüt „The Modern Lovers“ eine ganze Riege an Punk-Acts prägte, von Krawall-Gruppen wie The Sex Pistols bis zu Kunst-Bands wie Wire. Gleichzeitig war ihre Musik von hochgradig poppigen Melodien durchzogen und von einer zutiefst menschlichen Wärme umgeben. Richman war in „Old World“ beispielsweise überhaupt nicht wütend auf seine Eltern, die ihn partout nicht verstehen wollten. Er liebt sie sogar. So ein Statement hörte und hört man in der Gitarren-Musik selten.

Das Original-Line-up von The Modern Lovers hielt nur bis 1974, danach mutierte die Band zu Richmans Soloprojekt. Ab den späten 80er-Jahren trat er nur noch unter seinem eigenen Namen auf – und veröffentlichte bis heute 17 Soloalben. Mittlerweile ist Richman auch wortwörtlich eine eine Old Soul: Heute, am 16. Mai 2021, wird er 70 Jahre alt. Wir haben den Musiker Jonathan Richman in fünf Songs porträtiert.

„Pablo Picasso“ (1975)

„Pablo Picasso“ ist vieles. Das Zentrum des ersten The-Modern-Lovers-Album. Ein gigantischer Projektionsakt eines sexuell frustrierten jungen Mannes, der sein unglückliches Liebesleben mit dem des titelgebenden, legendären Künstlers vergleicht (dass Picasso privat ein misogyner Typ war, ist Teil des Songs). Ein unwiderstehlich schludriges Stück Rock-Musik, gespielt mit einer Mischung aus jugendlichem Swagger und an The Velvet Underground erinnernder Schrammeligkeit – kein Wunder, schließlich spielt John Cale persönlich die stoische Piano-Figur. Und einer der erfolgreichsten Songs, die Richman je schrieb. Unzählige Acts, von David Bowie und Iggy Pop über Television Personalities und Siouxsie Sioux bis zu Jack White coverten dieses Lied. Niemand von ihnen kam an den genialen Balanceakt zwischen Teenage Angst und Selbstironie des Originals heran.

„I’m Straight“ (1981)

Das Original-Line-up von The Modern Lovers veröffentlichte bizarrerweise nie ein Album. Als das Debüt „The Modern Lovers“ erschien, war die Band schon aufgelöst. Fast ein halbes Jahrzehnt lang arbeiteten sich Richman und seine Mitstreiter David Robinson (Schlagzeug), Ernie Brooks (Bass) und Jerry Harrison (Keys) an einem Studioalbum ab – als es fertig war, hatten sie sich schon zerstritten. Bis zur Auflösung 1974 spielte dieses Besetzung einige Sessions ein. Die erste, als „The Modern Lovers“ veröffentlichte, fand unter unter der Regie von John Cale statt.
Die zweite, produziert von Kim Fowley, wurde erst 1981 veröffentlicht, unter dem Namen „The Original Modern Lovers“. Dieses Album ist noch schranziger als das Debüt, die Songs erklingen zum Großteil noch im Demo-Gewand. Doch Richmans Songwriting lässt sich nicht vom Lo-Fi-Sound zerschießen. „I’m Straight“ ist ein subversiver Rock-’n’-Roll-Lovesong, in dem Richman eine Frau von sich überzeugen möchte. Sein Hauptargument: Im Vergleich zu ihrem jetzigen Freund ist Richman nüchtern. Auch hier zeigt er sich wieder als ultracharismatischer Spießer – und der wunderbar zurückgelehnte Groove seiner Band tut ihr übriges.

„I Love Hot Nights“ (1988)

Während die restlichen Original-Modern-Lovers in neuen Bands ihren Erfolg suchten (und fanden: Robinson wurde der Drummer von The Cars, während Harrison bei einer gewissen Band namens Talking Heads einstieg), behielt Richman den Namen der Band. Jonathan Richman And The Modern Lovers veröffentlichten acht Studioalben – und das letzte ist möglicherweise ihr bestes. Wenn Richman nicht über Nostalgie, Nüchternheit oder übers Nicht-beachtet-Werden sang, sang er am meisten über Partys, Sonnenschein und gute Laune. Mystischerweise klang das bei ihm jedoch nie einfallslos oder anbiedernd, wie „Modern Lovers ‘88“ perfekt demonstriert. Songs wie „I Love Hot Nights“ zelebrieren genau das, was ihr Titel verspricht – doch Richman verklärt die Stimmung mit feiner Melancholie. Die Akkorde sind mysteriös, sein Bariton klingt nicht hundertprozentig überzeugt von dem, was er da singt. Was nicht heißt, dass diese Musik keinen Spaß macht. Richman hat ehrlich gute Laune – und scheint sich gleichzeitig der Vergänglichkeit von genau dieser bewusst. Woo-Oooh-Ah-Ooh-Oh.

„I Was Dancing In A Lesbian Bar“ (1992)

Nach fast zwei Jahrzehnten unter dem Namen The Modern Lovers wechselte Richman 1989 endgültig zu seinem eigenen Namen. 1992 setzte er für sein möglicherweise bestes Soloalbum sogar noch einen drauf: Der Titel – „I, Jonathan“. Hinter diesem bewusst persönlichen Titel versteckt sich die ganze Bandbreite des Künstlers Jonathan Richman. Das Album beginnt mit einem sich nach den guten alten Zeiten zurücksehnenden Song, „Parties In The U.S.A.“. Sexuelle und romantische Frustration besingt er in „You Can’t Talk To The Dude“, wenn auch diesmal aus weiblicher Perspektive. Und in „I Was Dancing In A Lesbian Bar“ wird gefeiert. Die Melancholie lässt er diesmal aber außen vor – dieser Song ist pure Euphorie. Richman lässt sich von jüngeren Freund*innen zu einem Ausflug in die titelgebende Kneipe überreden und hat dort die Zeit seines Lebens. Eine Euphorie, die sich mühelos aufs Publikum überträgt – dem ultra-eingängigen Refrain und Groove sei Dank.

„No One Was Like Vermeer“ (2008)

Auf seinem 13. Soloalbum sang Jonathan Richman mal wieder über einen Künstler. Diesmal aber nicht über einen misogynen Kubisten, sondern über Johannes Vermeer. Und Richman klingt nicht jugendlich frustriert, sondern ehrlich beeindruckt von der Kunst des niederländischen Barock-Malers. Richmans Gitarre schrammelt einen unruhigen Flamenco-Rhythmus, doch seine Stimme klingt nahezu ehrfürchtig. „Vermeer was eerie / Vermeer was weird / He had his own way of doing things / With the paintings from another era.“ Zeilen, die auch auf Richman selbst zutreffen, auf diesen seltsamen, ungewöhnlichen Künstler – der alles immer ein bisschen anders macht und machte.

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

Das könnte Dich auch interessieren:



Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Christian
    Mai 18, 2021 Reply

    Top, wieder was gelernt. Bisher habe ich Jonathan Richman nur mit dem „Egyptian Raggae“ in Verbindung gebracht 🙂

Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.