Maurice & Die Familie Summen – „Bmerica“ (Album der Woche)

Bmerica von Maurice & Die Familie SummenMaurice & Die Familie Summen – „Bmerica“ (Staatsakt)

Fangen wir an beim Titel: „Bmerica“. Auf einer Wortspiel-Qualitätsskala von 1 bis 10 befindet sich der wohl eher im unteren Drittel. Zum Glück ist „Bmerica“ nicht der Hashtag eines x-beliebigen Berliner Cloud-Rappers, sondern der Titel von Maurice Summens neuester Solo-Platte. Denn: Der Name Summen steht schon seit einigen Jahren für subversive Pop-Musik, ob als Teil der Maskulinität dekonstruierenden Supergroup Der Mann oder als Bandleader der Genre-Hybriden Die Türen. Allein deswegen sollte man sich diesen Titel zweimal angucken. Musikalisch schielen Maurice & Die Familie Summen auf jeden Fall in Richtung Amerika: Funk, HipHop und Autotune stehen auf dem Programm. Fakt ist: „Bmerica“ ist das undeutscheste deutsche Pop-Album des Jahres geworden.

Ob in der Anti-Ghosting-Hymne „Nichtantworten ist das neue Nein“ oder im Spoken-Word-Dub „Klima“ – Summen brilliert als bitterböser Beobachter. Er schafft es dabei, ausgelutschten Themen wie Gentrifizierung, sozialen Medien und dem bösen Kapitalismus frische Spitzen abzugewinnen: „Ein Kind schreit wie am Spieß nach der fünffach Impfung / Die Pharmazie lacht sich ins gummiüberzogene Fäustchen / Und die Hautärztin braucht erst mal ein Zigaretten-Päuschen.“

Damit „Bmerica“ mehr als nur guter Poetry-Slam ist, hat Summen die Cloud seines Labels Staatsakt voll ausgespielt und eine wahnsinnig tighte, zehnköpfige Band um sich versammelt. In Songs wie „Zeichen des Widerstands“ und der Single „Zeit zurück“ feat. Kryptik Joe (Deichkind) wird kräftig geslappt und gefunkt, während der P-Funk-Synth so schön pulsiert, als könnte man diese Nation wirklich unter einem Groove vereinen. Parliament, Prince und Sly & The Family Stone sind klar als Einflüsse erkennbar, ohne dass „Bmerica“ zum plumpen Retromania-Album verkommt. Dafür sind die Autotune-Passagen zu selbstironisch und die Themen zu sehr in der Gegenwart verwurzelt.

Maurice Summen richtet den musikalischen Blick in Richtung Westen, während er auf der Textebene die Heimat porträtiert. Denn je tiefer man sich in seinem „Bmerica“ verliert, desto klarer wird: Wir befinden uns hier nicht auf US-amerikanischen Highways, sondern in einer überfüllten Bahn des BVG.

Veröffentlichung: 6. Oktober 2017
Label: Staatsakt

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