Talk Talk – „Spirit Of Eden“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Spirit Of Eden“ von Talk Talk

Talk Talk – „Spirit Of Eden“ (Manhattan Records)

Zwischen „Mirror Man“, der ersten Single, die Talk Talk je veröffentlichten und „Spirit Of Eden“ liegen nur sechs Jahre. Hört man beides nacheinander, wirkt es, als lägen Jahrzehnte dazwischen. Auf der einen Seite ein zwar irgendwie mitreißender, aber eindimensionaler Synth-Pop-Track, voller Fairlight-Kitsch und leblosen Drums aus der Dose. Ein Paradebeispiel für Käse-Blockbuster-Pop der frühen 80er-Jahre, ein klares Produkt seiner Zeit, das mit jedem Ton das Wort „1981“ aus den Boxen schreit.

Konträr dazu steht „Spirit Of Eden“. Das religiöse Bild im Titel ist kein Zufall – müsste man das vierte Album von Talk Talk mit einem Wort beschreiben, dann böte sich „sakral“ an. Sänger und Gitarrist Mark Hollis, Schlagzeuger Lee Harris, Bassist Paul Webb und Produzent und inoffizielles viertes Bandmitglied Tim Friese-Green schufen auf dieser Platte Musik, die oft wie nicht von dieser Welt wirkt. Talk Talk klangen hier plötzlich mehr nach Debussy als nach Duran Duran. Mehr nach Miles Davis als nach Tears For Fears. Musik, die eher in einen Gottesdienst gehört als in eine Konzerthalle.

Niemand war wütender über diese Entwicklung als EMI, das Label, das Talk Talk seit ihrem Debütalbum „The Party‘s Over“ unter Vertrag hatte. Mit dem Vorgängeralbum „The Colour Of Spring“ schenkte die britische Band ihrem Label ihr kommerziell erfolgreichstes Studioalbum, inklusive dem Hit „Life‘s What You Make It“. EMI dankte es ihnen mit einem bodenlosen Budget für den Nachfolger. Doch das Label hatte nicht richtig zugehört: „The Colour Of Spring“ mag ein Erfolg gewesen sein, deutete trotzdem klar den experimentellen Abenteuergeist dieser Band an. Talk Talk hatten begonnen, kunstvolle Arrangements und Improvisationen in ihren Pop einzuflechten. Mit „Spirit Of Eden“ sollten sie sich endgültig von den irdischen Fesseln der Pop-Charts loslösen.

Raum-, zeit- und schwerelos

Wer in dieser Musik nach catchy Melodien greift, der greift oft ins Leere. Bis zur ersten vergehen über zwei Minuten. „The Rainbow“ eröffnet das Album mit einem Wolkenmeer aus Streicher-Drones und Trompeten. Dann, nach einer Zeit, die wie eine Ewigkeit anmutet, spielt eine E-Gitarre ein minimalistisches Blues-Riff. Das klingt, als hätte Hollis es mutterseelenallein im Weltraum aufgenommen. Langsam holen bekannte Rock-Elemente das Stück wieder auf die Erde zurück, doch mit „Rock“ hat diese formlose Kunst-Musik nichts zu tun. Post-Rock sollte das später mal genannt werden. Und dann, nach vier auf beste Art und Weise endlosen Minuten, ertönt der Refrain, während Orgeln und Streicher den Himmel aufreißen. Hollis‘ Stimme zittert erhaben, als wäre er sich dieser Schönheit bewusst, die er und seine Band dort kanalisieren.

Und diese Schönheit hört einfach nicht auf. Die Momente, die einem den Atem rauben, sind zahlreich: die auf wundersame Weise gleichzeitig verzerrten und erhabenen Wirbelstürme in „Desire“. Der euphorische Puls von „Eden“, der wie eine Gegenthese zu The Velvet Undergrounds „Heroin“ anmutet. Die astralen Klarinetten in „Inheritance“. Der körperlose Chor in „I Believe In You“. Das abschließende „Wealth“, das im minutenlangen Fadeout die Zeit anhält.

Für Talk Talk war „Spirit Of Eden“ nur der Anfang ihrer spirituellen Neuerfindung. Drei Jahre später folgte das noch abstraktere „Laughing Stock“, auf dem sie diese sakrale Musik perfektionierten. Danach war Schluss, doch die Bandmitglieder blieben der sperrigen Pop-Musik treu: Paul Webb gründete die experimentelle Rock-Band .O.Rang und half Portishead-Sängerin Beth Gibbons bei ihrem einzigen Soloalbum. Lee Harris spielte kurze Zeit bei der Post-Rock-Band Bark Psychosis Schlagzeug. Eine Gruppe, die sich für ihren Sound einiges von Talk Talk abgeschaut hatte. Mark Hollis verschwand nach einem einzigen Soloalbum von der Bildfläche. Man sagt, er lebt mit seinen zwei Söhnen in einem Vorort von London. Musik machte er nie wieder. Er hatte ja auch alles gesagt.

Veröffentlichung: 16. September 1988
Label: Manhattan Records

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Olaf
    Jan 3, 2019 Reply

    Damals fand ich das Album toll und ich mochte auch die Stimme von Mark Hollis. Das Album lief bei mir Dauerrotation. Was war bloß damals mir los? Heute ist mir die Scheibe zu lahm und die Stimme von Mark Hollis nervt mich nur noch. Soll heißen: Heute geht es mir besser! Aber das Konzert damals im Stadtpark war kurios. An einem super Sommertag den Deprisound von Talk Talk und als Vorgruppe INXS. Eine abwegige Kombination! Mark Hollis saß das komplette Konzert auf einem Holzhocker und schaute nur nach unten. Schön war’s…

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